"Inhuman und unmedizinisch"

7. Juli 2005, 08:50
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Arzt gegen Zwangsernährung, Gewerkschaft will Widerstand leisten

Wien - Karl Aichinger, Vorsitzender der Justizgewerkschaft, kann dem Plan, hungerstreikende Schubhäftlinge künftig zur Heilbehandlung ins Gefangenenhaus Wien zu überweisen, nichts abgewinnen: "Wir werden uns mit Händen und Füßen gegen solche Überweisungen wehren", kündigt er an.

Es sei "völlig unmöglich", in den ohnehin stark überfüllten Hafträumen zusätzliche Gefangene unterzubringen: "Das Gefangenenhaus ist für 940 Häftlinge ausgelegt, derzeit haben wir rund 1300", schildert er im STANDARD-Gespräch. Außerdem: "Der Justiz gehört ein Schubhäftling sicher nicht" - und somit auch nicht der Justizwache, um auf ihn aufzupassen.

Mit Hungerstreiks in der Haft hat der lang gediente Wachebeamte durchaus Erfahrungen. In Wien würden "jährlich bis zu zehn" Strafgefangene das Essen verweigern: "Wir lassen diese Gefangenen in den Großraumzellen, stellen ihnen jede Mahlzeit in die Zelle und suchen ein Gespräch", schildert er. "Über 99 Prozent" aller Hungernden würden daraufhin ihren Protest "nach zwei, drei Tagen" aufgeben. Wenn nicht, kämen sie auf die Krankenabteilung, wo der leitende Arzt Harald Schopper betont: "Bei uns wird niemand zwangsernährt.

Blutige Prozedur

Zwangsernährung - so Schopper - sei "inhuman und unmedizinisch". Wenn schon, müsse sie zu einem Zeitpunkt durchgeführt werden, "wo der Gefangene noch ansprechbar ist. Und dieser Gefangene, der sich ja unter Einsatz seines Körpers wehrt, wird alles unternehmen, um sich die Kanüle aus dem Arm oder die Sonde aus dem Magen zu reißen", beschreibt er die meist blutig endende Prozedur.

Diese Drastik führte in den vergangenen Jahren international zu starken Protesten gegen Fälle von Zwangsernährung. Etwa in Australien, wo Asylwerber im berüchtigten Anhaltezentrum von Woomera einkaserniert sind und gruppenweise das Essen verweigern - und wo eine Regierungsverordnung seit 1992 Zwangsernährung zulässt.

Dem Hungerstreikproblem ließ sich mit der harten Linie nicht beikommen. Am 20. Juni 2005 verkündete Australiens Premierminister John Howard, Flüchtlingsfamilien dürften in Zukunft ihr Asylverfahren in Gemeinden statt hinter Stacheldraht abwarten. (DER STANDARD, Printausgabe, 07.07.2005)

Von Irene Brickner
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