Schmerz und Eskapismus

9. Juli 2005, 20:37
3 Postings

Der US-Superstar Diana Ross gastierte im Rahmen des Jazzfest in der Wiener Oper

Wien - Als sie die Bühne in einem roten Rüschenmonster betrat, das sie bald darauf auf die Hälfte, zu einem einen höheren Schärfegrad aufweisenden Minikleid reduzierte, hatte sie fast schon gewonnen. Immerhin weckte sie so bereits jene Assoziationen, die bei Diana Ross einfach auftauchen müssen: Glamour, die glitzernde Disco-Ära - und mitten in diesen verklärt anmutenden Fantasien ihr nur in raren Momenten verschwindendes Lächeln.

Chain Reaction, der erste Song eines Programms, das natürlich als pralle Best-of-Werkschau angelegt war, wies den Weg in einen Abend, an dem es nur wenig auszusetzen gab. Gut, Ross' Stimme klang zumindest auf den seitlichen Rängen, als würde sie durch ein Blechheferl singen - ein raumakustisches Problem der Wiener Oper, an das man sich gewöhnte.

Die Rhythmusabteilung stellte zwar ihre beachtlichen Muskeln gut sichtbar aus, besondere Feinfühligkeit konnte man dem Schlagzeuger aber ebenso wenig nachweisen wie seinem Kollegen an der Perkussion oder dem Bassisten, der stellenweise zu ein paar Noten zu viel neigte. Und zumindest in der ersten Hälfte der Show erschienen die beiden Bläser, als wäre der eine zu früh, der andere viel zu spät pensioniert worden. Eine Einschätzung, die es jedoch später, als die Band offensichtlich warm gespielt war, zu relativieren galt. Dass sie bei dem Disco-Heuler Upside Down, als sie einen Besucher zum Tänzchen auf die Bühne bat, keinen all zu glücklichen Griff hatte und einen ungelenken, dafür eitlen Bodenturner erwischte - Pech.

Ross, 1944 in Detroit geboren, ist eine Überlebende der großen Motown-Ära. Aus der Gesangsgruppe der Supremes heraus wurde sie 1970 Solokünstlerin - bald darauf ein Superstar, der mit Marvin Gaye Duett sang, der in den 80er-Jahren hunderttausende Fans in den New Yorker Central Park lockte und aufgrund eines zum Teil recht öffentlich geführten Privatlebens auch in den Klatschspalten dauerpräsent war: Unter anderem wegen einer Liaison mit dem Bassisten der Schlock-Rocker Kiss, Gene Simmons. Irren ist menschlich.

Im Vergleich zu vielen Zeitgenossen schaffte es Ross jedoch mit neuen Trends und Stilen Schritt zu halten und produzierte während ihrer nun bereits über 40 Jahre dauernden Karriere immer Hits. Bevor hier in der Oper, nach satten Disco- und Funkschnalzern wie That's My House oder Ain't No Mountain High Enough, bei der von Gloria Gaynor berühmt gemachten Eskapismus-Hymne I Will Survive tatsächlich ein kleines Disco-Inferno im Saal ausbrach, überzeugte Ross noch mit intimen Jazz-Balladen.

Sie, die einst für ihre Rolle der Billie Holiday in dem eher unterirdischen Film Lady Sings The Blues eine Oscar-Nominierung erhielt, durchlitt hier deren schmerzensreiches Don't Explain, bei dem die Diva nicht widerstehen konnte, das Mikro kurz weg zu lassen, um unverstärkt in dem Song zu versinken. "Wonderful!", entfuhr es einem Besucher aus einer Loge heraus, als sie das Stück beendet hatte. Dem war nicht zu widersprechen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.7.2005)

Von Karl Fluch
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Diana Ross als Plüsch-und Schmunzelmonster: Die Soul- und Disco-Diva aus Detroit begeisterte ihre Wiener Fans mit einem dicht gestalteten Best-of-Programm, das Hits aus drei Jahrzehnten umfasste.

Share if you care.