Splitter der Erinnerung

13. Juli 2005, 17:34
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Zwei finnische Architekten siegten im Wettbewerb um das Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau

In Warschau entsteht das Museum der Geschichte der polnischen Juden - das die finnischen Architekten Ilmari Lahdelma und Rainer Mahlamäki bauen werden. Sie setzten sich gegen die expressiven Entwürfe von Stararchitekten wie Daniel Libeskind durch.


Glas soll es sein. Kein Gebäude aus Stein, Beton oder Metall soll die Geschichte der polnischen Juden in Erinnerung rufen, sondern ein Glasquader mit der unaufdringlichen Symbolik des geteilten Roten Meeres. Dies entschied vor wenigen Tagen die Jury des internationalen Architektenwettbewerbs für den Bau des Museums der polnischen Juden in Warschau.

Gewonnen haben den Wettbewerb die finnischen Architekten Ilmari Lahdelma und Rainer Mahlamäki. Das Duo, das seit 1997 zusammenarbeitet, habe die Jury mit seinem "sehr rationalen und zugleich dynamischen" Projekt überzeugt, so der Luxemburger Architekt und Jury-Vorsitzende Bohdan Paczowski in Warschau. Die Finnen schlugen unter anderen den Stararchitekten Daniel Libeskind aus den USA, Kengo Kuma aus Japan und den deutsch-israelischen Architekten Zvi Hecker aus dem Rennen. Alle drei erhielten jedoch eine Sonderauszeichnung der Jury für ihre symbolstarken und expressiven Entwürfe.

Das Museum der Geschichte der polnischen Juden, wie es offiziell heißen wird, soll auf dem Gelände des ehemaligen Warschauer Gettos entstehen, auf einer Fläche von 13.000 Quadratmetern, direkt gegenüber dem Denkmal für den Warschauer Gettoaufstand von 1943. Der Baubeginn ist für das nächste Jahr geplant, die Eröffnung für 2008.

Anders als in Berlin, wo für das fertige Gebäude des Jüdischen Museums erst die passende Ausstellung zusammengesucht werden musste, ist die Warschauer Ausstellung bereits weit gehend fertig. Gezeigt werden soll die gut 800-jährige Geschichte der polnischen Juden. Doch obwohl es ein "Museum des Lebens" sein soll, beginnt es mit einem Grabstein - der ersten Spur jüdischen Lebens in Polens - und endet mit einem Grabstein: dem Denkmal der Gettokämpfer Warschaus. Wenn die Museumsbesucher das Glashaus mit dem für die polnisch-jüdischen Beziehungen so symbolträchtigen Riss oder Glas-Bruch durch das ganze Gebäude verlassen, gehen sie direkt auf das Gettodenkmal zu. Hinter ihm beginnt der Gedenkpfad zum Umschlagplatz. Von hier aus hatten die Nazis 1941 bis 1943 hunderttausende Juden in die Vernichtungslager Treblinka und Belzec abtransportiert.

Libeskinds "Buch"

Daniel Libeskind hatte mit dem expressiven Entwurf eines aufgeschlagenen Buches eine Symbolik gewählt, die nicht tragisch interpretiert werden konnte. Zudem hatte er das "Buch" so platziert, dass nicht nur die hässlichen Plattenbauten rund um den Platz an den Rand gedrängt und optisch fast verschwunden wären, auch das Gettodenkmal wäre kleiner erschienen als bisher. Für Liebeskind dauert das "Volk des Buches" trotz der Katastrophe fort. Sein Museumsentwurf steht für Hoffnung und Zukunft.

Auf der Suche nach den heute in Warschau lebenden Juden kommt der eine oder andere vielleicht an der Synagoge vorbei, am Plac Grzybowski und der Prozna-Straße im Zentrum der Stadt. Auch hier war einmal ein Museum der jüdischen Kultur geplant, allerdings ein lebendiges, mit Cafés und Galerien, Läden, Hotels und Restaurants. Doch das Projekt ist - zumindest dem äußeren Anschein nach - gescheitert. Von den großen Visionen Ronald Lauders, des Milliardärs und Erben des Estée-Lauder-Kosmetikkonzerns ist nicht viel geblieben.

Auf dem Platz gegenüber der Synagoge, wo die jüdische Schule entstehen sollte, wächst wie eh und je das Gras. Die Schule ist längst am Stadtrand Warschaus entstanden. Und die Prozna-Straße, die letzte "jüdische" Straße Warschaus, verfällt mehr und mehr. Holzbalken stützen Wände und Balkone. "Vorsicht Einsturzgefahr!" Die Zeit der "jüdischen Renaissance", die nach der Wende 1989 viele Neugierige anlockte, ist bereits vorbei.

Zu den Gottesdiensten kommen zumeist nur wenige alte Männer, an Feiertagen auch Touristen aus Israel oder den USA. Für sie und für Polens Jugend, die in der Schule kaum erfährt, welche Bedeutung die Juden Polens für seine Geschichte haben, ist das Museum der Geschichte der polnischen Juden gedacht. 100 Millionen Zloty (25 Millionen Euro) soll es kosten. Je zehn Millionen Euro übernehmen die Stadt Warschau und das Kultusministerium, fünf Millionen Euro steuert zudem das Jüdische Historische Institut bei.

Während mit der Prozna-Straße die letzten Spuren jüdischen Lebens zerbröseln, entsteht ein paar Straßen weiter bereits das Museum, das an die Geschichte dieses jüdischen Warschaus erinnern soll: ein Glashaus mit den Splittern der polnisch-jüdischen Erinnerung.
(irr/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.7.2005)

Gabriele Lesser aus Warschau
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der siegreiche Entwurf von Rainer Mahlamaeki und Ilmari Lahdelma

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