Eine offene Rechnung aus den Zeiten der Revolution

13. Juli 2005, 10:44
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Amerikanischer Iran-Experte Beeman vermutet Machenschaften der islamistischen Linken gegen Ahmadi-Nejad

Wien - Da amerikanische Iran-Verteidiger eine eher seltene Spezies sind, vernimmt man ihre Worte mit besonderem Interesse: William O. Beeman, Professor für Anthropologie und Direktor der Mitteloststudien an der Brown University, hat schon vor dem Auftauchen der Wiener Vorwürfe in einem Artikel versucht, die Hintergründe von Angriffen auf den Wahlsieger Mahmud Ahmadi-Nejad zu analysieren.

Beeman, dessen soeben erscheinendes Buch The "Great Satan" vs. the "Mad Mullahs" sich mit der gegenseitigen Dämonisierung von USA und Iran beschäftigt, vertritt die Ansicht, dass bestimmte US-Neocons mithilfe antiiranischer Propaganda auf einen Angriff auf den Iran hinarbeiten. Das Material liefern meist die oppositionellen Modjahedin-Khalq (MEK), die zwar auf der US-Terrorismus-Liste stehen, sich jedoch der Unterstützung einiger US-Kongressangehöriger erfreuen und in Europa - besonders in Frankreich, wo auch der "Zeuge des Zeugen" von Peter Pilz sitzt -, sehr aktiv sind.

Im Telefongespräch mit dem STANDARD vertritt Beeman die Ansicht, dass bei den Attacken der Modjahedin speziell auf Ahmadi-Nejad die Geschehnisse unmittelbar nach der Revolution 1979 eine Rolle spielen: der Konflikt zwischen den "Rechten" wie Ahmadi-Nejad und den Modjahedin und anderen islamistischen Linken, die wenige Monate nach der Revolution ausgebootet und verfolgt wurden. "Für die MEK ist nun einer iranischer Präsident geworden, der wirklich ihr Feind ist." Über Ahmadi-Nejad werde gesagt, so Beeman, dass er zur Zeit der Revolution die Kommunisten für gefährlicher hielt als die USA - und dass er lieber die sowjetische als die amerikanische Botschaft besetzt hätte. "Er hatte Angst vor den Marxisten."

Die Geschichte der Geiselnahme wurde im November 2004 in der iranischen Zeitung Shargh im Detail dokumentiert, die involvierten Personen sind bekannt. Nicht zufällig würden auch Personen zugunsten Ahmadi-Nejads sprechen, die nicht seinem Lager angehören. Dessen Wahlsieg sei jedoch für die MEK ein willkommener Anlass für den Versuch, die Gespräche zwischen dem Iran und den Europäern zu torpedieren. Trotzdem hofft Beeman weiter auch auf eine iranisch-amerikanische Annäherung. Es habe Bemühungen während der Clinton-Regierung gegeben, und die Kontakte würden auf geheimen Kanälen weiterlaufen, aber für beide Seiten sei es unmöglich, damit in die Öffentlichkeit zu gehen.

Beeman, der sich viel mit Kommunikation beschäftigt, verweist auf ein typisches iranisches kulturelles Muster, das verbietet, dass man den ersten Schritt macht, die Interaktion mit jemandem wieder aufzunehmen, dem man böse ist. Dazu wird eine dritte Partei benötigt: "Die Iraner haben immer einen Vermittler mit den USA gesucht, eine Zeit lang dachten sie, Deutschland könnte das sein, aber daraus ist nichts geworden."

Was will nun Ahmadi- Nejad für den Iran? Beeman hält ihn eher für einen "Patrioten" als für einen Ideologen: Ja, er stelle sich den Iran als islamisches Musterland vor, aber genauso wichtig sei für ihn ein unabhängiger Iran mit einer starken Industrie und modernen technologischen Entwicklung - wozu auch die Atomindustrie gehört.

Übrigens hält es Beeman auch für möglich, dass der neue iranische Präsident gar kein Anhänger der khomeinischen Staatsdoktrin des "velayat-e faqih" (Herrschaft des Rechtsgelehrten) ist: Für der Hojjatiye-Gesellschaft Nahestehende, zu denen auch Ahmadi-Nejad gezählt wird, sei es schwer zu akzeptieren, dass der Mehdi - der verschwunden ist und eines Tages wieder auftauchen wird - auf Erden von einem Menschen, eben dem Rechtsgelehrten, vertreten werden kann. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, Print, 7.7.2005)

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