Computer simulieren Terroranschläge

6. Juli 2005, 18:35
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Im Los Alamos National Laboratory werden Reaktionen in einer Stadt auf Worst-Case-Szenarien entwickelt

Im legendären Los Alamos National Laboratory (LANL) in New Mexico, in dem die erste Atombombe entwickelt wurde, haben die Forscher mit der Arbeit an einem Manhattan Projekt (damalige Deckbezeichnung der US-Armee für die Entwicklung der Atombombe, Anm.) der anderen Art begonnen. Nach den Ereignissen des 11. Septembers 2001 wurde hier mit der Konstruktion des aufwändigsten Computermodells gestartet, das in den Vereinigten Staaten je versucht wurde: Gefüttert wird es mit allen relevanten und verfügbaren Daten, die das Leben in Millionenstädten abbildet, mit virtuellen Einwohnern, die arbeiten, einkaufen und Freizeitvergnügungen nachgehen, virtuellen Energieversorgungsnetzen, Öl-, Benzin- und Wasserleitungen, Flugzeug- und Zugtransportsysteme bis hin zum virtuellen Internet. Die Wissenschaftler bauen in dem Modell virtuelle Städte auf – und zerstören sie dann wieder.

Wenn die Stromversorgung zusammenbricht

Zweck und Sinn des Ganzen: Die Forscher simulieren den terroristischen "worst case", spielen durch, was passiert, wenn die Stromversorgung durch einen Terrorakt großflächig zum Erliegen kommt, erstellen mathematische Modelle, die jene Orte berechnen sollen, wo der Anschlag mit einer biologischen Waffe die schlimmsten Auswirkungen zeigen würde. Die Wissenschaftler lassen dabei unaufhörlich Simulationen laufen, bei denen sie unter anderem Aktionen wie das Schließen von Flughäfen, das Unter-Quarantäne-Stellen eines Stadtviertels oder das Stilllegen von Fabriken testen.

Tests zu Pocken-Ausbruch

"Wir versuchen, die bestmöglichen Terroristen zu sein", berichtet James P. Smith, der gerade an einer Simulation über die Auswirkungen eines freigelassenen Pockenvirus in Portland, Oregon, arbeitet. Die Ergebnisse seiner Arbeit haben beispielsweise bei der Debatte, ob es notwendig ist, Pockenimpfstoff für die gesamte US-Nation herzustellen, wesentlichen Einfluss gehabt.

Smith fand heraus, dass im Falle eines Pocken-Ausbruchs, eine gezielte, örtlich begrenzte Impfung der Bevölkerung annähernd so wirksam ist wie eine breit angelegte Massenimpfung, wenn die Behörden es schaffen, schnellstmöglich Quarantänezonen für die Infizierten zu schaffen.

Handlungsmöglichkeiten

Die Los-Alamos-Experimente sind Teil der Anstrengungen des US-Heimatschutzministeriums im Krieg gegen den Terrorismus. Die unter strengsten Sicherheitsauflagen erfolgenden Simulationen sollen im Fall eines echten Anschlags der Regierung sämtliche Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.

Das Projekt ist nicht nur aufgrund der hohen Kosten umstritten – jede Simulation kann zig Millionen Dollar kosten; bemängelt wird auch, dass derartige modellhafte Berechnungen nie den "echten" Notfall abbilden könnten. (Ariana Eunjung Cha, DER STANDARD Printausgabe 7.7.2005)

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