Blick zurück, die Unterschiede vor Augen

6. Juli 2005, 20:53
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Mit zehn konträren Produktionen liefert das Filmcasino einen Überblick über das "Lateinamerikanische Filmwunder"

... aus dem vor allem zwei aktuelle chilenische Arbeiten hervorstechen.


Je weiter entfernt jene fremden Länder und Kontinente liegen, auf die sich der westliche Blick richtet, desto höher ist nach wie vor die Gefahr der Nivellierung und der Indifferenz. Dies betrifft das asiatische Kino ebenso wie das afrikanische. Und auch die südamerikanische Filmlandschaft ist nicht davor gefeit, in dieser Wahrnehmung vereinheitlicht zu werden.

Dabei unterscheidet sich das nationale Kino zwischen Mexiko und Chile enorm: Produktion, Vertrieb und staatliche Förderung könnten nicht nur von Land zu Land, sondern sogar von Film zu Film unterschiedlicher nicht sein. Gerade bei kontinentalen Filmreihen gilt es also weniger nach Gemeinsamkeiten zu suchen, die eher bei äußeren stilistischen Einflüssen zu finden wären, sondern die Unterschiede im Auge zu behalten:

Während etwa bei einer kolumbianischen Produktion wie Joshua Marstons 'Maria Full of Grace' der US-Kabelfernsehsender HBO als Finanzier agiert und in Arbeiten wie Walter Salles’' Che-Guevara-Verfilmung 'The Motorcycle Diaries' europäische Gelder fließen, muss sich ein chilenischer Film wie Andrés Woods 'Machuca' weit gehend selbst finanzieren. International erfolgreiche Produktionen wie Fabián Bielinskys argentinische Taschentrickkomödie 'Nueve reinas', die es mittlerweile bis ins deutsche Privatfernsehen geschafft hat, oder Hugo Rodriguez' mexikanische Gangstergeschichte 'Nicotina' rund um einen rauchenden Computerfreak werden einander dabei in Ästhetik und schickem Formalismus immer ähnlicher.

Es liegt also an – in diesem Fall chilenischen – Produktionen wie eben Woods 'Machuca' oder Patricio Guzmáns 'Salvador Allende', über die Beschäftigung mit der Geschichte des Landes ein nationales Kino zu definieren:

Woods Jugenddrama 'Machuca' erzählt die Geschichte zweier befreundeter Buben unterschiedlicher sozialer Herkunft in den Wochen vor Pinochets blutigem Militärputsch 1973 und am Tag des Umsturzes selbst:

Der elfjährige Gonzalo, Sohn wohlhabender Eltern und Nutznießer der herrschenden Klassenverhältnisse, und Machuca, ein Bub aus den Slums am Stadtrand von Santiago, finden in einer katholischen Schule unter der Leitung eines fortschrittlichen Priesters zueinander.

Wood umgeht auf eindringliche Weise die Gefahr einer Romantisierung einer Jugendfreundschaft und zeichnet seine zwei Protagonisten als Individuen mit eigenen Wünschen und Vorstellungen, die erst gar nicht versuchen, sich gegen die laufenden Ereignisse zur Wehr setzen, sondern diese unmittelbar antizipieren.

Die Spaltung der Gesellschaft findet auch in der Kluft zwischen den beiden Heranwachsenden ihren Niederschlag, und die Prüfung des 11. September 1973 als Schicksalstag besteht ihre Freundschaft nicht. In ausgebleichten Bildern inszeniert Wood den Einmarsch des Militärs in die Slums, während für Gonzalo buchstäblich nur ein Blick zurück auf einen Tag in der Geschichte seines Landes bleibt, der sein Leben für die nächsten zwanzig Jahre bestimmen wird.

Weiße Mauern

Genau dies trifft auch auf Patricio Guzmán zu, dessen Biografie eng mit der politischen Geschichte Chiles verbunden ist: 1973 dokumentierte der Filmemacher den Umsturz und filmte die letzten Tage der Regierung Allendes, bevor er ins Exil fliehen musste. In 'Salvador Allende' wendet sich Guzmán nun noch einmal der schicksalsträchtigen Epoche zu und dokumentiert anhand von Archivmaterial und Gesprächen mit Zeitzeugen – unterlegt mit seinem persönlichen Kommentar – den Lebensweg jenes Mannes, der mit seinem Traum für soziale Gerechtigkeit so viele andere Lebenswege mitbestimmte.

Und betätigt sich dabei buchstäblich als Archäologe, wenn er unter einer weißen Mauer jene alten Schriftfarben hervorkratzt, die 1973 die Botschaften des Volkes verkündeten. In 'Machuca' sind diese Parolen noch zu lesen, was aus den beiden Buben wurde, wird man jedoch nie erfahren.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.7.2005)

Von Michael Pekler

22. 7. bis 23. 8. jeweils dienstags und freitags im Filmcasino www.filmcasino.at

  • "Machuca"
    foto: filmcasino

    "Machuca"

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