Spielraum für Täuschungsmanöver

6. Juli 2005, 18:20
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Das Filmcasino stellt wieder eine Reihe aktueller Hongkong-Filme vor – ergänzt um ausgewählte Klassiker

Das Filmcasino, dem asiatischen Kino schon lang verbunden, stellt auch in diesem Jahr wieder eine Reihe aktueller Hongkong-Filme vor – ergänzt um ausgewählte Klassiker.


Wie repräsentativ das auch immer sein mag – die in diesem Jahr präsentierte Auswahl aktueller Produktionen aus Hongkong prägen jedenfalls nicht jene actionreichen Gangsterfilme und Martial-Arts-Spektakel, die man gemeinhin mit dem Filmschaffen der nunmehr zur Volksrepublik gehörenden ehemaligen Kronkolonie assoziiert.

Zwar jagen in Derek Yees 'One Nite in Mong Kok (Wong gok hak yau)' Polizisten einen Auftragskiller durch das gleichnamige Vergnügungsviertel. Weitaus häufiger jedoch ergibt sich aus selbstreflexiver Kameraarbeit und (digitalen) Verfremdungseffekten, elliptisch konstruierten Erzählungen und einem Faible für durchgestylte Interieurs und modische Accessoires Spielraum für (visuelle) Täuschungsmanöver, in deren Zentrum weibliche Hauptpersonen stehen:

Doppelbödig

'Beyond Our Ken (Gung ju fuk sau gei)' von Ho Cheung Ping variiert eine Dreiecksgeschichte. Shirley (Hong Tao) wird eines Tages von einer jungen Frau kontaktiert, die sich als die Ex-Freundin ihres Freundes zu erkennen gibt. Chan (Gillian Chung) hat gerade ihren Job als Lehrerin verloren, weil intime Fotos von ihr im Internet aufgetaucht sind, wofür sie Ken (Daniel Wu) verantwortlich macht.

Die beiden Frauen verbünden sich, die Geschichte nimmt in der Folge einige unerwartete Wendungen. Das zentrale Moment in dieser doppelbödig konstruierten Beziehungsgeschichte, die entfernt auf 'Chungking Express' anspielt, bleibt jedoch die neu gewonnene Freundschaft.

Ein einander mehr als nur freundschaftlich zugeneigtes Frauenduo gerät im Thriller 'Ab-Normal Beauty (Sei mong se jun)' ins Visier eines (un-)heimlichen Beobachters. Für Inszenierung und Produktion zeichnen die Pang Brothers verantwortlich, die 2002 mit ihrem Mysterythriller 'The Eye' Furore machten.

Auch der aktuelle Film dreht sich ums menschliche Sehvermögen und dessen technische (oder visionäre) Erweiterung. Während eine Kunststudentin eine seltsame Obsession für Fotografien von Toten entwickelt und zugleich – eher vordergründig – von Erinnerungen an einen Missbrauch als Kind heimgesucht wird, werden sie und ihre Freundin längst selbst von nem gefährlichen Unbekannten mit der Videokamera beobachtet.

'Butterfly (Hu die)' schließlich erzählt vom späten Coming-Out einer verheirateten Lehrerin. Flavia (Josie Ho) wird durch die zufällige Begegnung mit der jungen Xiao Ye (dargestellt von der Sängerin Yuan Tian) an ihre erste große Liebe erinnert, die einst im Umfeld der chinesischen Studentenbewegung von 1989 zerbrochen ist.

Obwohl auch hier einiges in vordergründige Schauwerte investiert wird, erweist sich der Film von Regisseurin Yan Yan Mak schließlich als überzeugendes Selbstfindungsdrama. Nicht zuletzt aufgrund der souverän agierenden Hauptdarstellerin oder der in wenigen Szenen sehr genau gezeichneten Dynamik zwischen Flavia und ihrem hilflos-stoisch reagierenden Ehemann: "Willst du eine Scheidung oder willst du deine Tochter?", fragt dieser. "Ich will beides", sagt Flavia. Ein schnelles Happyend ist folglich nicht in Sicht, aber einmal gefällte Entscheidungen sind nicht umkehrbar.

Einzigartig

Ergänzend dazu werden bei "Hongkong in Motion 05" ausgewählte Klassiker der vergangenen Jahrzehnte wiederaufgeführt: Stanley Kwans preisgekröntes Melodram 'Rouge' etwa oder 'Once Upon a Time in China 1+2' von Tsui Hark. Und – nicht zu vergessen – der ungewöhnlichste Anime-Held seit Langem vorgestellt, ein kleines Schweinchen mit einem Brötchen auf dem Kopf, das in Toe Yuens 'McDull, Prince de la Bun' seinen Platz im Leben sucht.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.7.2005)

Von Isabella Reicher

"Hongkong in Motion 05"
12. 8. bis 24. 8., Filmcasino

Link

filmcasino.at

  • "Butterfly"
    foto: filmcasino

    "Butterfly"

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