Dort, wo alle ein Taumel erfasst

6. Juli 2005, 16:40
posten

Das Filmarchiv zeigt auf der Kaiserwiese Filme, in denen der Prater und andere Rummelplätze zentrale Schauplätze sind

Das Filmarchiv Austria wandert einen Monat lang auf die Kaiserwiese und präsentiert Filme, in denen der Prater und andere Rummelplätze zentrale Schauplätze sind: Orte, an denen soziale Unterschiede weniger gelten und Wünsche Wirklichkeit werden.


Auf Jahrmärkten und Rummelplätzen, inmitten jener Apparaturen der sinnlichen Überwältigung, hatte das Kino in den ersten Jahren seinen bevorzugten Ausstellungsort. Die Attraktion einer entgrenzten Wahrnehmung war im Reich der "billigen" Sensationen bestens aufgehoben, wendete sich das neue Massenmedium doch ans breite Volk. Im Wiener Prater war Gabor Steiner im Jahr 1896 der erste, schreibt der Filmhistoriker Christian Dewald, der stolz das "Edisonoskop" bewarb – anfangs noch mit wenig Erfolg, denn die Zuschauer klagten bald über Kopfweh.

Mit dem Prater Filmfestival des Filmarchiv Austria kehrt das Kino nun einen Monat lang an diesen Ursprungsort zurück. Gezeigt werden Filme, die entweder den Prater (oder seine entsprechende Studiorekonstruktion) als Schauplatz wählen oder ein Äquivalent wie etwa den New Yorker Vergnügungspark Coney Island. Die Beispiele sind dabei auch historisch weit gestreut: Von ersten stummen Kurzfilmen aus 1913 bis zum Paranoia-Thriller 'The Machinist' aus dem letzten Jahr, in dem eine Geisterbahnfahrt zum allegorischen Bild wird.

Was die Darstellung des Praters betrifft, gibt wohl der auch ansonsten berühmteste Wien-Film, 'The Third Man' (1949), einen entscheidenden Moment vor: jenen, in dem die Masken fallen. Bei einer Riesenradfahrt erkennt die Figur Joseph Cottons die wahre Identität seines totgeglaubten Freundes Harry Lime. Generell ist der Prater im Film denn auch ein Ort, an dem Grenzen brüchig werden und die sozialen Distinktionen der Gesellschaft verschwimmen.

So verwundert es nicht, dass nicht wenige Arbeiten gerade den Prater als Raum für (ansonsten kaum denkbare) Liebesbeziehungen nutzen: In Max Ophüls Stefan-Zweig-Adaption 'Letter From an Unknown Woman' (1948) fungiert der Ort als kurzer, aber folgenreicher Augenblick der Utopie. Ein Leben lang sehnt sich das Mädchen Lisa (Joan Fontaine) vergeblich nach dem Pianisten Stefan Brand (Louis Jourdan), aber erst im tief verschneiten Prater wird ihr Begehren erfüllt.

Ophüls unterstreicht das Imaginäre an diesem Zusammentreffen, indem er das Paar eine Reise in einer der dortigen Attraktionen antreten lässt: Während sich die beiden in einer Kabine näher kommen, fahren hinter ihnen die – per Fußpedal von einem Greis betriebenen – Panoramen ferner Länder vorbei. Keine Liebe, scheint es, lässt sich an diesem Nicht-Ort begründen, dessen märchenhafter Zauber nur das Produkt von öligen Zahnrädern ist.

Schwindelgefühle

Die tendenzielle Überwindbarkeit von Standesunterschieden ist dagegen Thema von 'Merry-Go-Round' (1922) (ursprünglich vom Österreicher Erich von Stroheim konzipiert, der nach Drehplanverzögerungen jedoch von Rupert Julian ersetzt wurde): Der lebenshungrige Graf von Hohenegg verliebt sich beim Praterbesuch in die Drehorgelspielerin Agnes. Um sie zu verführen, gibt er sich als Krawattenverkäufer aus und verheimlicht ihr dabei, dass er vom Kaiser höchstpersönlich zu einer Heirat gedrängt wird.

Wie beim Ringelspiel, in Zwischenszenen das Symbol des Films, werden in 'Merry-Go-Round' gesellschaftliche Normen von einem Schwindel erfasst. Der Prater wird zur Sphäre, in der Aristokratie und Proletariat, unter Vorspielung falscher Tatsachen, miteinander verkehren können – und bleibt zugleich der Ort von Missgunst, Konkurrenz und Gewalt. Es bedarf immer noch der Kraft des Melodrams – und der historischen Zäsur des Ersten Weltkriegs –, um das Potenzial der Liebe zwischen dem Grafen und Agnes tatsächlich Wirklichkeit werden zu lassen.

Das heimische Kino hatte solchen von außen zugetragenen Entwürfen nur wenig hinzuzufügen: Ausnahmen bilden Kurt Steinwendners 'Wienerinnen – Schrei nach Liebe' (1952), in dem der Prater zum Spiegel der Verfasstheit von Außenseitern wird, und Franz Novotnys 'Exit ... Nur keine Panik' (1980), in dem die Begehrlichkeiten zweier Strizzis nur noch als Posen umsetzbar sind, für die der Prater den generischen Rahmen abgibt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.7.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

7.7. bis 31.7., 21.30
Prater Filmfestival, Openair auf der Kaiserwiese,
Info: 0800/808133

  • "Prater" (1936)
    foto: filmarchiv

    "Prater" (1936)

Share if you care.