Hier stirbt man gerne in Schwarz-Weiß

6. Juli 2005, 16:33
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Denkwürdiges Wiedersehen dank innovativeren Kräften: Frank Millers "Sin City", verfilmt von Robert Rodriguez

Von "Batman" bis "Spider-Man": Comics sind eine wesentliche Quelle des US-Blockbuster-Kinos. Langsam besinnt man sich jetzt auf innovativere Kräfte, was rund um den Zeichner und Autor Frank Miller und seine Serie "Sin City" zu einem denkwürdigen Wiedersehen führt.


Bei der folgenden "Erfolgsgeschichte" könnte man direkt nostalgisch werden, wenn nicht der Künstler, von dem sie erzählt, ein derart cooler, um nicht zu sagen: ein abgebrühter Bursche wäre.

Es ist schon einige Jährchen her, da zählte es zu den Lieblingshobbys der avancierten Pop- und Filmkritiker, von den Comics Frank Millers zu schwärmen. 1986 hatte er mit der "graphic novel" 'Batman: Die Rückkehr des Dunklen Ritters' einen alternden, rachsüchtigen, faschistischen Superhelden porträtiert, wie er vorher im Universum der Action-Heftchen nicht denkbar war. Schon vorher hatte er im Dienste von Stan Lee und 'Marvel' den blinden Rächer 'Daredevil' mit realen Konflikten wie Drogenhandel konfrontiert – und ihm die herrlichste weibliche Antiheldin 'Elektra' hinzuerfunden, und einen einzigartig reduzierten Zeichenstil etabliert.

Jedem denkenden und das Genre liebenden Menschen war klar, dass sich Hollywood schleunigst von diesem Mann inspirieren lassen müsste. Kurzfristig bestand angesichts ähnlich physisch orientierter Action-Denker wie James Cameron oder Kathryn Bigelow auch Hoffnung. Allein, Frank Miller machte in der Traumfabrik, die seine Albträume sofort eilfertig entschärfte, miserable Erfahrungen.

Radikalkur

Ursprüngliche Pläne etwa von Oliver Stone, 'Elektra' zu adaptieren, zerschlugen sich in mühseliger Unentschlossenheit. 'Batman' wollte man die Radikalkur in Richtung mehr Realismus (noch) nicht antun. Und zwei Sequels von Paul Verhoevens 'Robocop', die Miller schrieb und designte – sie erreichten nicht annähernd die unvergleichliche Dynamik seiner Zeichengeschichten. Also schaltete er auf stur – und brachte beim kanadischen Verlag 'Dark Horse' die denkbar härteste Absage an den Mainstream heraus: 'Sin City', angesiedelt in einer fiktiven, nachtschwarzen, frostigen Schwarz-Weiß-Variante von L. A., vertraute auf Trash und B-Picture-Charme.

Unter Titeln wie 'The Big Fat Kill' oder 'That Yellow Bastard' machten sich hartgesottene Machos daran, die herrlichsten Ladys notfalls bis auf den elektrischen Stuhl zu verteidigen. Schuld und Sühne waren ihre ständigen Begleiter, und zu sagen hatten sie stets nur das Notwendigste: "An old man dies, a young woman lives. Fair trade."

Wer Miller schätzt und zuletzt Quentin Tarantinos 'Kill-Bill'-Filme sah, der ahnte bereits, dass nun doch wieder Hoffnung bestehen könnte, dass die US-Studios die vor der eigenen Tür werkende Kreativität wieder schätzen lernen, anstatt immer nur im Fernost-Actionkino abzukupfern. Tatsächlich wurden zuletzt erste Adaptionen von 'Daredevil' und 'Elektra' noch allzu konventionell in den Sand gesetzt. Und Christopher Nolans 'Batman Returns' gibt erst eine Ahnung davon, wie bitterernst und episch man irgendwann wohl auch Millers 'Dunklen Ritter' auf der Leinwand erleben sollte.

Kunstwelten

Jetzt aber: Ein versöhnliches Ende ist in Sicht. Robert Rodriguez, Miller-Fan, Tarantino-Freund, selbst seit 'El Mariachi' für eskapistische Action-Stilisierungen geschätzt – er hat sich der "Stadt der Sünden" nicht nur angenommen, sondern Frank Miller auch gleich als Koregisseur mit an Bord geholt: Für eine geradezu werktreue Adaption von vier 'Sin-City'-Storys bedienten sich die beiden ausgiebig bei den zuletzt entwickelten digitalen Bildbearbeitungs-Ressourcen.

Das heißt: Stars wie Bruce Willis, Benicio Del Toro oder der lange vernachlässigte Mickey Rourke agierten im Studio weit gehend vor so genannten Blue Screens, um sich jetzt in einem perfekt stilisierten – Schwarz-Weiß mit wenigen Farbeinsprengseln – Comics-Film-noir-Ambiente wieder zu finden. Rodriguez und Miller nahmen gleichzeitig Anleihen bei Tarantinos verschachtelter Episoden-Dramaturgie in 'Pulp Fiction'. Also ist 'Sin City' auch ein Film, in dem mit Bob Dylan gilt: "Death is not the end." Am Ende sind auch die am übelsten Verwundeten wieder da. Fortsetzung folgt garantiert. Zwei Sequels sollen jetzt – dank eines großen Erfolgs in den USA – parallel produziert werden.

Sicher: An mehreren Stellen tut die Kinoadaption fast zu viel des Guten/Harten – und anstelle der gebotenen über zwei Stunden hätte es auch ein schlanker 90-Minüter getan.

Aber allein, wenn man Mickey Rourke zusieht, wie er von einem Kampfszenario zum nächsten mehr Hansaplast-Streifen über seinen Muskelpanzer klebt – das ist schon sehr grimmig und lustig zugleich. Bruce Willis wiederum hat sich selten auf prekäreres Terrain vorgewagt, als hier in der Rolle eines Ex-Cops, der Kinderschänder hasst, und plötzlich gewahr wird, dass seine Zuneigung zu einem Mädchen über väterliche Gefühle hinausgeht.

Kurz: Harter Stoff, den man nie zu ernst nehmen sollte. In dem aber noch einiges innovatives Potenzial steckt. Ach ja: Und eine kurze Episode hat Mr. Tarantino gedreht. Da unterhält sich einer mit einem Toten, dem ein volles Pistolenmagazin aus dem Kopf ragt. Viel Spaß!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.7.2005)

Von Claus Philipp

Ab 11. August im Kino

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    foto: miramax
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