Dalai Lama: Rückzug aus Politik

13. Juli 2005, 15:47
24 Postings

Tibets Exil-Oberhaupt feiert seinen 70. Geburtstag - Aktive Politik soll gewählten Volksvertretern überlassen werden

Dharamsala - Mit der Ankündigung, sich allmählich aus der aktiven Politik zurückzuziehen, hat der Dalai Lama am Mittwoch im indischen Exil seinen 70. Geburtstag gefeiert. In einer Rede vor Tausenden von geflüchteten Landsleuten in Dharamsala betraute das mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete geistliche und weltliche Oberhaupt Tibets die Politiker des Exilparlaments mit der Fortsetzung des Kampfes für Autonomie. Zum Auftakt dreitägiger Zeremonien präsentierte der 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso, ein Buch über den indischen Unabhängigkeitshelden Mahatma Gandhi. Ein Sprecher verwies auf Gandhis Konzept vom gewaltlosen Widerstand, das sich der Dalai Lama zum Vorbild nehme.

Dalai Lama seit 1959 im Exil

Chinas kommunistische "Volksbefreiungsarmee" war 1950/51 in Tibet einmarschiert. Bei der Niederschlagung des tibetischen Volksaufstands durch die Chinesen waren 1959 Zehntausende ums Leben gekommen. Der Dalai Lama lebt seither im Exil. Er wirft Peking schwerste Menschenrechtsverstöße in seiner Heimat vor, unter anderem Zwangsabtreibungen und Zwangssterilisationen, sowie "kulturellen Völkermord" durch massiven Bevölkerungstransfer, stellt sich aber gegen die Forderungen von Nationalisten nach voller staatlicher Unabhängigkeit Tibets.

Gewählte Volksvertreter sollen Politik gestalten

In seiner Geburtstagsansprache rief der Dalai Lama zu "innerem Frieden und Mitgefühl" auf. "Mein Volk setzt Hoffnung und Vertrauen in mich, aber da eine gewählte politische Führung existiert, versuche ich mich zunehmend aus der Politik zurückzuziehen", sagte er. Es sei besser für das tibetische Volk, wenn er die aktive Politik den gewählten Volksvertretern überlasse, meinte er auf einer Pressekonferenz. Er verlangte "mehr Geduld und mehr Entschlossenheit" der Tibeter bei den Verhandlungen mit Peking und zeigte sich zuversichtlich, dass es noch zu seinen Lebzeiten zu einer Einigung kommen werde. In den vergangenen Tagen sollen in Bern Kontakte zwischen Bevollmächtigten des Dalai Lama und Vertretern der chinesischen Botschaft stattgefunden haben. Der Sprecher der tibetischen Exilregierung, Thubten Samphel, wertete dies als Zeichen, dass Peking "ernsthafte Fortschritte" erzielen wolle.

Wiedergeburt im besetzten Tibet ausgeschlossen

Der Dalai Lama hatte mehrmals angekündigt, dass er nach seinem Tod nicht im besetzten Tibet oder einem anderen Gebiet unter chinesischer Herrschaft wiedergeboren werde. Nach der Lehre des tibetischen Lamaismus hat der Dalai Lama ("Ozean des Wissens") als Reinkarnation des Boddhisattwa Awalokiteshwara Einfluss auf den Ort und die Familie, in der er wieder zur Welt kommt. Der am 6. Juli 1935 in der Provinz Amdo geborene Sohn armer Kleinbauern war im Alter von vier Jahren als Wiedergeburt des 1933 verstorbenen 13. Dalai Lama, Thubten Gyatso, erkannt worden.

Großbritannien soll aktiv werden

Die Kampagne "Freies Tibet" forderte unterdessen den britischen Premierminister Tony Blair auf, während des EU-Ratsvorsitzes seines Landes auf Fortschritte in der Tibet-Frage zu drängen. Dies wäre "das beste Geburtstagsgeschenk, das Blair dem Dalai Lama machen könnte", sagte ein Sprecher. Blair solle Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao beim G-8-Gipfel in Schottland auf das Tibet-Problem ansprechen. (APA/AFP)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Im indischen Dharamsala finden dieser Tage die Feierlichkeiten zum 70. Geburtstag des Dalai Lamas statt.

Share if you care.