Zersprengtes Leben

24. Oktober 2005, 15:55
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Mitwisserinnen, Mittäterinnen, Mitleidende - über die Geschichte der "anderen Hälfte" des Südtiroler Aufstands der 1960er-Jahre

"Im Sommer 1961 brach für viele Südtiroler Familien eine Welt zusammen: die Männer verfolgt wegen des gewaltsamen Aufstandes gegen die italienische Nationalisierungspolitik und in den Gefängnissen der Folter ausgesetzt, die Frauen daheim, oft rat- und mittellos. Manche von ihnen erlebten die Verhaftung des Sohnes, Mannes und Vaters wie das Einbrechen eines Albtraums in eine Idylle, andere waren verschwiegene Mitwisserinnen, manche sogar Mittäterinnen."

Autorin Astrid Kofler, selbst in Bozen geboren, betrachtet zum ersten Mal die "andere Hälfte" der Südtiroler Bombenjahre, einer Geschichte, die vorrangig von Männern geschrieben wurde. In zahlreichen Essays und Interviews mit Ehefrauen und Töchtern versucht sie, ein anderes Bild der Geschichtsschreibung zu zeichnen. Erstmals bekennen sich Frauen dabei auch zur eigenen Täterschaft: beim Sprengstoffschmuggel als ablenkende Schönheit am Nebensitz oder am Steuer, als Mitdenkerin unter gemeinsam gehütetem Decknamen, beim Sprengen selbst.

Unverdächtig

Eine Frau war unverdächtig, einer Frau traute man das Sprengen nicht zu. Aber auch für andere Tätigkeiten waren die Frauen unentbehrlich, weil besser "getarnt". Adelheid Heuberger etwa hat Botendienste übernommen, besorgte in Schweizer Elektrohandlungen Batterien für die Zünduhren, wusste über alles Bescheid. Der Frau nichts oder alles sagen, so dachten viele Männer - lieber nichts, aber wenn es sein muss, dann lieber alles. Studentin Renée Gautron verteilte Flugzettel und übermittelte Botschaften über die Grenze, unterstützte so die Sprengungen. "Wir waren von der Richtigkeit unseres Tuns überzeugt", sagt sie. "Wir haben uns nicht als Terroristen verstanden, auch wenn man uns so nannte."

Sich vorstellen, was geschehen würde, schreibt Astrid Kofler, das konnten sich auch die Frauen nicht, die etwas wussten. Das hätten in diesem Ausmaß auch die Männer nie geglaubt: Bespitzelung, Verhöre, Inhaftierungen, Misshandlungen, Flucht, Tod. Zurückgelassen mit den Kindern, den Schulden, dem Unverständnis der Bevölkerung, ohne Ehemann und Vater. Roswitha und Erna Egger erlebten die Zeit als die beiden älteren Töchter von sechs Kindern des politischen Häftlings Luis Egger: "Die Verhaftung des Vaters war ein Schock für uns alle, wir waren darauf nicht vorbereitet", schildert Erna. "Ich weiß gar nicht, ob meine Mutter etwas gewusst hatte, was der Vater tat. Sie hat höchstens etwas geahnt, gewusst hat sie nichts." Die Schwester erzählt von der jahrelangen Angst nach dem schrecklichen Erlebnis, Angst vor dem Einschlafen, Angst um ihr Leben.

Da war die Frage, ob es das alles wert gewesen ist, da war aber auch ein tiefes Verständnis der Frauen für die Taten der Männer im Kampf für die Heimat. "Ich bin zu meinem Mann gestanden", sagt Gertrud Spat, die den Südtirol-Einsatz ihres Mannes von Anfang an unterstützt hat. "Das war eine Selbstverständlichkeit auch in unserem gegenseitigen Verständnis." (isa)

Astrid Kofler:
"Zersprengtes Leben" -
Frauen in den Südtiroler Bombenjahren
Edition Raetia, 2003
520 Seiten, 33,50 Euro
ISBN 88-7283-195-4

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