Prostituierte, Scheinfirmen, Bestechung

31. Juli 2005, 18:23
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Der Vorstand soll die VW-Betriebsräte mit bezahltem Sex gefügig gemacht haben, weiters soll es Scheinfirmen nur für Schmiergeldannahme gegeben haben

München/Wolfsburg - "Vergnügungen mit Dirnen", so die Süddeutsche Zeitung, habe Volkswagen angeblich manchen Betriebsräten bezahlt, damit die Arbeitervertreter bei strittigen Entscheidungen im Sinne des Managements agierten. Dabei seien seit mehr als einem Jahrzehnt Belege für "Lustreisen nach Brasilien per Firmenjet" genehmigt worden, ein "Insider" berichtet vom "Einfliegen von Luxusnutten". "Der Fall kann die Arbeiterbewegung in die Luft sprengen", so ein weiteres Zitat aus dem Enthüllungsbericht des deutschen Qualitätsblattes. Weiters weiß man von einem Firmennetz, das von Helmut Schuster, dem jetzt geschassten Vorstand der VW-Tochter Skoda und engen Vertrauten von Personalchef Peter Hartz (Namensgeber für "Hartz IV"), nur zu dem Zweck gegründet worden sei, um bei VW-Projekten in Indien oder Angola vorab Schmiergelder zu lukrieren. Auch der ehemalige Betriebsratschef Klaus Volkert soll laut der Süddeutschen Zeitung beteiligt gewesen sein.

Hartz unter Druck

Der Skandal bei Europas größtem Autobauer dampft also nun richtig. Hartz steht unter Druck. Das Land Niedersachsen ist größter Anteilseigner des Wolfsburger Autokonzerns (18 Prozent). Bundeskanzler Gerhard Schröder, als niedersächsischer Politiker eng mit dem Wolfsburger Konzern verbunden, lobt Hartz öffentlich - und es klingt wie ein Nachruf: "Peter Hartz hat sich mit einer innovativen Tarifpolitik um das Unternehmen verdient gemacht", sagte Schröder am Dienstag in Berlin. Er habe mit seiner Kommission zudem viele Impulse für die Arbeitsmarktreformen gegeben. Zu den Vorwürfen selbst wollte sich Schröder nicht äußern, sondern das offizielle Verfahren abwarten.

Schröder war bis 1998 Ministerpräsident in Hannover und damit zugleich Aufsichtsratsmitglied bei Volkswagen. Der niedersächsische Wirtschaftsminister Walter Hirche, derzeit VW-Aufsichtsratsmitglied, erklärte, das Kontrollgremium habe nichts von den Geschäften rund um Schuster gewusst.

"Wir werten derzeit die Unterlagen aus, die wir am Montagnachmittag von VW erhalten haben. Natürlich werden wir aber selbstständige Ermittlungen führen", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Braunschweig. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nach einer Strafanzeige von VW gegen Schuster und einen entlassenen Mitarbeiter des Personalwesens wegen des Verdachts auf Untreue und Betrug. Den Bericht der Süddeutschen Zeitung wollte man nicht näher kommentieren.

Moralisch diskutierbar

"Wir konzentrieren uns zunächst auf handfeste Hinweise, auf einen Anfangsverdacht." Es gebe aber möglicherweise "Besonderheiten" bei VW, die "moralisch diskutierbar" seien. Ob davon etwas hingegen auch strafrechtlich verwertbar sei, werde sich noch zeigen.

Auch Volkswagen selbst wollte die Vorgänge nicht weiter kommentieren und verwies auf die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sowie die Untersuchungen durch die vom Konzern selbst beauftragte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG.

Neuer Betriebsratschef

Am Dienstag wurde Bernd Osterloh zum Betriebsratsvorsitzenden für das Stammwerk Wolfsburg gewählt, am Mittwoch soll er auch die Führung des Gesamtbetriebsrats übernehmen. Osterloh war bisher Stellvertreter von Klaus Volkert, der am Donnerstag zurückgetreten war. Osterloh sitzt bereits seit Jänner im VW-Aufsichtsrat. Er schrieb der Belegschaft jetzt einen Brief, in dem er fordert, den Zusammenhalt zwischen Betriebsrat, der Gewerkschaft IG Metall und der VW-Belegschaft "weder von außen noch von innen zerstören zu lassen".

Der Korruptionsskandal werde dafür missbraucht, so Osterloh, um Peter Hartz öffentlich zu schwächen. (Reuters, dpa, red, szem, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.7.2005)

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