Eine Frage des Spielverlaufs

6. Juli 2005, 12:41
1 Posting

Heute gegen 13.50 Uhr MESZ wird IOC-Präsident Rogge der Welt berichten, welche Stadt die Spiele 2012 beherbergen wird

Singapur - Je näher die Entscheidung rückt, desto vorsichtiger werden die Auguren. Monatelang ist Paris als Topfavorit gehandelt worden, gefolgt von London, doch nun holte Madrid bei den Londoner Buchmachern deutlich auf, und auch New York und Moskau wollte keiner mehr abschreiben. New York ist formal übrigens erst seit gestern offizieller Kandidat. Das IOC-Exekutivkomitee akzeptierte am Dienstag erwartungsgemäß den Plan der Stadt, ein anderes Olympiastadion, als in den offiziellen Bewerbungsunterlagen vorgesehen, bauen zu wollen.

"Wer als Papst hineingeht, kommt als Kardinal wieder heraus", hieß es bei der jüngsten weltweit beachteten Abstimmung, die dann doch den favorisierten Kardinal Ratzinger in Benedikt XVI. verwandelte. "Wer als Favorit hineingeht, kommt als Verlierer heraus", meint quasi vatikanisch Walther Tröger, deutsches IOC-Mitglied, der sich mit diesem Tipp recht weit aus dem Fenster lehnte.

Österreichs Leo Wallner sagt: "Paris, London und Madrid sind zu favorisieren." IOC-Chef Jacques Rogge tippt mit diplomatischem Geschick und wird also auch nach der Wahl Recht behalten haben: "Wir haben fünf Kandidaten mit gleich großen Qualitäten. Alle können hervorragende Spiele veranstalten. Es wird ein ganz knappes Rennen. Der Sieger wird auf jeden Fall das IOC sein. Natürlich werden vier von ihnen tief enttäuscht sein, doch das IOC würde sie gern als aussichtsreiche Kandidaten wiedersehen."

Der Deutsche Thomas Bach, der als Leiter der Juristischen Kommission des IOC und also als oberster Wahlkontrollor fungiert, glaubt: "Mehr als je kommt es auf die letzten Tage und besonders auf die Präsentationen an. So viele wie nie haben sich noch nicht festgelegt." Viel dürfte auch vom Spielverlauf abhängen, das heißt von der ungeklärten Frage, wer als Erster ausscheidet. Bach: "Das wird eine spannende Geschichte. Dadurch könnten die Karten noch einmal völlig neu gemischt werden." Wahrscheinlich sind vier Wahlgänge. Nur im letzten reicht eine einfache Mehrheit. 112 IOC-Mitglieder werden wählen, jene aus den Kandidatenländern sind zunächst nicht stimmberechtigt.

Die Olympiahungrigen geizen nicht mit Prominenz. Bei der jeweils 45-minütigen Präsentation werden Staatspräsident Jacques Chirac, die Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero und Michael Fradkow sowie New Yorks Senatorin Hillary Clinton für ihre Städte werben, auch Spaniens Königin Sofia ist dabei. Britanniens Premier Tony Blair wird dann schon auf dem Rückflug zum G-8-Gipfel sein. Wladimir Putin wird per Videobotschaft nach Singapur ein Tabu brechen und als erster russischer Präsident eine öffentliche Rede auf Englisch halten. (DER STANDARD, Printausgabe, Mittwoch, 6. Juli 2005, ag, bez)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.