Stehende Gewässer auf Wanderschaft

12. Juli 2005, 12:35
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Sommerliche Hitzewellen haben in Alaska ungeahnte Folgen: Sie bringen die Seen zum Wandern

Sommerliche Hitzewellen haben in Alaska ungeahnte Folgen: Sie bringen die Seen zum Wandern, was zusammen mit dem Nordwestgefälle ihre seltsam gleichförmige Ausrichtung erklärt. Ein amerikanischer Geologe hat sie erforscht.

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Vom Satelliten Landsat aus betrachtet, ähnelt die Seenlandschaft Nordalaskas einer Edelsteinsammlung - allerdings einer sonderbar geordneten: Die Seen in Form länglicher Ellipsen, jeweils bis zu 25 Kilometer lang, strecken sich auf einer Fläche von der Größe Niedersachsens sämtlich in eine Richtung - und sie bewegen sich. Bis zu fünf Meter pro Jahr fressen sie sich durchs Land, manche seit Jahrtausenden, seit dem Ende der Eiszeit. Immer Richtung Nordwesten. Der Geologe Jon Pelletier von der University of Arizona liefert jetzt eine Erklärung für dieses Naturphänomen.

Entscheidend sei das besondere Relief der Seenlandschaft, sagt er. Sie ist nach Nordwesten geneigt. Pelletier hat errechnet, dass die Seen auf den Talseiten schmalere Ufer haben, die weniger stabil seien als die anderen Ränder. Brechen sie ein, dringt der See talwärts nach Nordwesten vor. Vor allem plötzliche sommerliche Hitzewellen, die den Permafrost-Boden Nordalaskas schmelzen lassen und in einen wassergesättigten Brei verwandeln, destabilisierten die Ufer. Erwärme sich der Boden hingegen allmählich, bleibe er stabil, erklärt Pelletier. Denn das Schmelzwasser rinnt nur langsam in die Seen, und die Bodenteilchen haben Zeit, sich zu verzahnen.

Die schmalen talwärtigen Ufer sind zudem verstärkt der Mittagssonne ausgesetzt, heizen sich stärker auf als die anderen Seeseiten - und sind auch deshalb instabiler. Das ist das Ergebnis von Computersimulationen, die Pelletier in der gerade erschienenen Ausgabe des Fachmagazins Journal of Geophysical Research vorstellt.

Lehrbücher müssen korrigiert werden

Die geologischen Lehrbücher über Alaska müssen nun wohl umgeschrieben werden. Bisher galten die dort vorherrschenden Südostwinde als Ursache für die Gleichförmigkeit der Gewässer und ihre Wanderung. Beweisen will Pelletier die Theorie in den nächsten Jahren anhand von Satellitenbildern: Deren Vergleich soll zeigen, wie die Seen sich bei Hitzewellen nordwestwärts dehnen. Auch außerhalb Alaskas werde sein Computerprogramm zum Einsatz kommen, meint der Forscher. So könnte die Entstehung manch anderer Seenlandschaft ebenfalls eine neue Erklärung finden. (Axel Bojanowksi/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 06.07.2005)

Von Axel Bojanowksi

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Journal of Geophysical Research

  • Wie eine sonderbar geordnete Edelsteinsammlung erstrecken sich unzählige Seen in Nordalaska. Mittagssonne und aufgeweichter Permafrost-Boden setzen sie in Bewegung.
    foto: nasa/agu

    Wie eine sonderbar geordnete Edelsteinsammlung erstrecken sich unzählige Seen in Nordalaska. Mittagssonne und aufgeweichter Permafrost-Boden setzen sie in Bewegung.

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