Zartbittere Herbheit und kühle Abstraktion

9. Juli 2005, 20:35
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Franz Koglmann, Oskar Aichinger und Chico Freeman beim Jazzfest Wien

Wien - Montag hat das Jazzfest Wien wieder Kammeroper und Jazzland erreicht. Nicht alle indessen erreichten das Jazzfest: Archie Shepps Konzert musste kurzfristigst gestrichen werden, der Saxofonist war nicht imstande, in Paris zur richtigen Zeit den richtigen Flieger zu besteigen. Vor gut einem Jahr, als er mit Bassist Georg Breinschmid im Porgy & Bess duettierte, ist ihm dies noch gelungen, auch ein Archie Shepp wird offenbar nicht jünger.

Die dergestalt im Regen stehen gelassenen Festivalorganisatoren refundierten dem Publikum einen Teil des Eintrittsgeldes und boten also den anwesenden Musikern die Gelegenheit, sich allein im Scheinwerferlicht der Kammeroper zu sonnen. Franz Koglmann und Oskar Aichinger waren im Gegensatz zu Shepp mühelos rechtzeitig durchs Portal gegangen, kein Kunststück, wenn man statt im 5. Arrondissement im 5. Hieb wohnt.

Vor einigen Monaten haben die beiden überraschend ein berückendes Burt-Bacharach-Album namens The Bridal Suite (Handsemmel Records/ Lotus) vorgelegt. Mittlerweile arbeitet man an der Erweiterung des Repertoires, wie man anhand Bruno Martinos Estate oder Franz Grothes Walzer Illusion und auch Eigenkompositionen vernehmen kann.

Vorsichtig wird da an der melodischen und akkordischen Substanz genippt, deren Sinnlichkeit freilich rasch in Richtung versponnene Melancholie entrückt. Koglmann, der Mann mit dem wohl spitzwinkeligsten Flügelhornansatz von überhaupt (gemeinhin kann man so nur Bierflaschen anblasen), zerdehnt die Melodien, lädt sie unnachahmlich mit zartbitterer Herbheit und unterkühlter Abstraktion auf, wobei die dunkle Weichheit seines Tons und Ungenauigkeiten in der Intonation zum Stilmittel werden.

Aichingers Umgang mit dem Material erschien momentweise zu respektvoll; seine Kunst, alte Hadern in unorthodoxen harmonischen Farbenspielen zu beleuchten, sie wurde in den polymodalen, an Lutoslawski gemahnenden Klangflächen von Bacharchs Close to You manifest. Eine reife Version von Eden Arbez' Klassiker Nature Boy, ohne jede abstrahierende Brechung zelebriert, wurde dem beglückten Publikum mit auf den Heimweg gegeben.

Ein paar Schritte weiter, im Jazzland am Franz-Josefs-Kai, zeigte sich am selben Abend Chico Freeman in Spiellaune: Der 56-jährige Saxofonist mit Vergangenheit in der Chicagoer Freejazz-Kooperative AACM, der dort bis inklusive Mittwoch, unterstützt vom Fritz-Pauer-Trio, gastiert, blies gleich zu Beginn in frenetischen Schreien am Tenorsaxofon viel Staub vom alten Mainstream-Gemäuer. Um in Don Pullens George-Adams-Hommage Ah, George am Sopran zu glühender Eindringlichkeit zu finden. Shepp hat man zumindest an diesem Abend nicht vermisst. (DER STANDARD, Printausgabe, 06.07.2005)

Von Andreas Felber
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    Melancholisch mit Bert Bacharach: Franz Koglmann

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