Keine erhellenden Antworten von Gehrer

22. Juli 2005, 12:21
3 Postings

Fragen zu den aufgehellten Schiele-Blättern

Wien - Klaus Albrecht Schröder, der Direktor der Albertina, soll recht ungehalten gewesen sein: Am 12. März berichtete DER STANDARD, dass dieser im Sommer 2004 fünf Blätter von Egon Schiele in die Schweiz verbringen ließ, um sie dort, nach einer "maltechnischen Untersuchung", auf höchst umstrittene Art restaurieren und bleichen zu lassen.

Am 27. April, nach der Rückkehr von drei Blättern, konnte DER STANDARD auch das Wie erklären: Bei der Bleistiftzeichnung Mädchenhalbakt, die linke Hand an die Wange gelegt und der Gouache Knabe mit langem Rock, die Hände schützend zum Kopf erhoben wurde "Chloramin T vermittelst Maske und entsprechend auf der mit der chemisch wirksamen Lösung vorbereiteten Unterlage auf dem Saugtisch" eingesetzt. Und beim Mädchenhalbakt zudem zwei horizontale Falten in der Bildmitte eliminiert: Das Papier dürfte durchgeschnitten worden sein, die zerstörten Fasern wurden jedenfalls "mechanisch entfernt" und die Teile neu ineinander verarbeitet.

Die anderen zwei Blätter - Liegende Frau mit geneigtem Kopf und das Brustbild eines rothaarigen Mädchens - befanden sich damals noch beim Restaurator. Schröder hatte beim Bundesdenkmalamt um eine Verlängerung der Ausfuhrerlaubnis angesucht, und sie war gewährt worden, weil weiterhin nur von einer "maltechnischen Untersuchung" die Rede war.

Die Frist endete kürzlich, am 30. Juni. Die Blätter sind nun zurück in Wien. Welche Eingriffe der Restaurator vornahm, sind nicht bekannt. Aber auch beim rothaarigen Mädchen dürfte es zu Aufhellungen gekommen sein.

Muttonens Anfragen

Der Einsatz von Chloramin T wird von führenden Experten abgelehnt. Die Restauratoren Jürgen Vervoorst (Wiener Stadt- und Landesarchiv), Christa Hofmann (Nationalbibliothek) und Erna Pilch (Staatsarchiv) schrieben: "Fest steht, dass die beschriebene Behandlung mit Chloramin T nach internationalen Standards inakzeptabel und geradezu fahrlässig war. (. . .) Die sehr wahrscheinlich entstandene Schädigung, abgesehen von der offensichtlichen Schädigung durch Entfernung von Papierfasern im Falzbruch, wird sich erst im Laufe von Jahren abzeichnen."

Christine Muttonen, Kultursprecherin der SPÖ, brachte daher am 17. März eine Anfrage an Bildungsministerin Elisabeth Gehrer ein. Und obwohl bereits seit 27. April der Einsatz von Chloramin T bekannt ist, verschweigt Gehrer in ihrer Antwort vom 17. Mai das Faktum: "Christoph von Albertini hat zwei der fünf Schiele-Werke einem Verfahren unterzogen, das aufhellende Wirkung hat." Vorgenommen worden seien: "Reduktion partieller exzessiver Bräunung, Sicherung und Festigung der Farben, Eliminierung entstellter Bruchfalten."

Muttonen befriedigten die Antworten nicht. In einer weiteren Anfrage will sie unter anderem wissen: "Haben die Restauratoren der Albertina die Restaurierung empfohlen? Sofern sie davon abgeraten haben: Warum wurde seitens der Albertina-Leitung die Meinung von Fachleuten negiert? Wurde das Bundesdenkmalamt vor Beginn der Restaurierungsarbeiten über dieselben informiert? Wenn nein, warum nicht? Welcher Umstand hat dazu geführt, dass Christoph von Albertini beauftragt wurde? Hat die Albertina Alternativangebote eingeholt? Wäre dieser Auftrag aufgrund seiner Größenordnung (rund 33.000 Euro) nicht auszuschreiben gewesen?"

Und bezüglich des Mädchenhalbakts fragt sie: "Wurde von der Albertina beim Eigentümer (also beim Bund, Anm.) die Genehmigung eingeholt, dieses Blatt zertrennen und neu kleben zu lassen?"

Möglicher Wertverlust

Mehrere Experten, darunter Gerhard Banik von der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, wiesen zudem daraufhin, dass nach ästhetischen Gesichtspunkten restaurierte Kunstwerke in der Regel weit weniger wert seien als konservierte Blätter. Mehrfach richtete DER STANDARD daher Fragen an Gehrer: Wer trägt die Verantwortung für den Wertverlust? Wer ersetzt den Fehlbetrag? Wer darf sich anmaßen, ein Schiele-Blatt zu zertrennen und danach wieder zusammenzufügen?

Einzige Antwort: "Die restauratorischen Maßnahmen dienten laut Auskunft von Direktor Schröder der Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands des Blattes, soweit dies möglich war, und damit der Wiederherstellung der Intention des Künstlers."
Doch das Denkmalamt sprach sich immer dafür aus, die Authentizität des Blattes, an dem auch die Rezeptionsgeschichte ablesbar ist, zu erhalten. Und das Denkmalschutzgesetz nennt die Erhaltung des Status quo als vorrangiges Ziel. DER STANDARD fragte Gehrer daher, wie sie zum Vorschlag stehe, das Denkmalamt mit einer Untersuchung des Falles zu beauftragen, und welche Schritte gesetzt werden könnten, um Manipulationen an Kunstwerken, die der Bund nur verliehen hat, künftig zu verhindern. Es kam nie eine Antwort. (DER STANDARD, Printausgabe, 06.07.2005)

Von Thomas Trenkler

Nachlese

Egon Schiele, gebleicht
12.3.2005

"Geschönte" Schiele-Blätter und Einsatz von Chloramin T
27.4.2005

"Der gebleichte Schiele - "inakzeptabel und geradezu fahrlässig"
Restauratoren in einem Kommentar der anderen zur "Aufhellungsaktion" der Albertina, 11.5.2005
  • Nun vielleicht auch aufgehellt: "Brustbild eines rothaarigen Mädchens" von Schiele vor der Restaurierung.
    foto: albertina

    Nun vielleicht auch aufgehellt: "Brustbild eines rothaarigen Mädchens" von Schiele vor der Restaurierung.

Share if you care.