Kopf des Tages: Sali Berisha

5. Juli 2005, 18:24
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Guter Arzt, problematischer Politiker

Rückhaltlos offener Blick, klare Sprache: Es ist schwer, von Sali Berisha nicht gefesselt zu sein. Nichts ist ihm fremder als Arroganz. Noch als Präsident ließ er sich auf jeden Gesprächspartner ganz ein und vergisst auch heute nicht, ob einer Zucker oder Milch im Kaffee trinkt. Nur ein großes Problem hat Berisha: Der sympathische Mann wird leider immer wieder tief enttäuscht. So sehr hat er seinen Weggefährten vertraut! Aber fast alle haben ihn verraten. Du auch?, fragt sein Blick. Wirst du mich auch verraten? Oder bist du wenigstens ehrlich?

Sali Berisha ist eine Ausnahmeerscheinung. Jahrelang hat der so unpolitische Politiker es mit seiner gewinnenden Art vermocht, halb Europa für sich einzunehmen - auch noch, als die Schlägertruppen seiner Partei die "Verräter" halb tot prügelten und das Land im Chaos versank. "Er ist bestimmt ein guter Arzt", sagt der Publizist Mustafa Nano, "aber kein Politiker". Schon bald wird Berisha, Vorsitzender der Demokratischen Partei, sein Land wieder führen, diesmal als Premierminister.

Berisha kam 1944 in der Provinz Tropoja zur Welt, einer extrem armen, wilden Bergregion, wo die Blutrache noch gepflegt wird. Die Eltern starben, als er noch ein Kind war. Sali durfte eine Berufsschule besuchen, weil sein älterer Bruder sich als Lehrer bewährte. Der KP-Funktionär Xhelil Gjoni förderte den begabten Schüler und vermittelte ihn 1962 an die Uni Tirana. Er trat der Partei bei, spezialisierte sich auf Kardiologie und konnte sich in den Achtzigerjahren im Pariser Hôpital Beaujon weiterbilden. "Leibarzt" des Diktators Enver Hoxha war er nicht, wohl aber "Berater" im Behandlungsteam.

Als überall in Osteuropa die Regime zusammenbrachen, war Berisha Professor und nebenher Parteisekretär seiner Fakultät. In einem Gespräch mit dem Diktator Ramiz Alia wagte der Arzt als Einziger, das Elend im Land beim Namen zu nennen. Seine Offenheit machte ihn zum Mann der Stunde: Bei der Gründung der Demokratischen Partei 1991 wurde Berisha ihr erster Vorsitzender, im Jahr darauf nach gewonnener Wahl Staatspräsident.

Als Präsident erwies sich Berisha weiter als charmant, aber auch als beratungsresistent und nachtragend gegen "Verräter". Der Staatsapparat wurde von den "Kommunisten", zu denen er selbst gezählt hatte, gesäubert, und sie wanderten ins Gefängnis. 1997 bedurfte es monatelanger Unruhen und der geschickten Vermittlung von Exkanzler Franz Vranitzky, um ihn endlich zum Rücktritt zu bewegen. Auch danach hielt er das Land jahrelang mit Parlamentsboykotten und wilden Demos auf Trab. Jetzt hat das polarisierende Wahlrecht etliche "Verräter" von einst wieder an seine Seite getrieben. "Ich habe ihnen verziehen", sagt der Parteichef über seine Minister von morgen. (Norbert Mappes-Niediek/DER STANDARD, Printausgabe, 6.7.2005)

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