Ein Gipfel der Gesten

5. Juli 2005, 18:05
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Tony Blair will die Handlungsfähigkeit der G-8 bei Klimaschutz und Afrika beweisen - von Eric Frey

Eine Verdoppelung der westlichen Entwicklungshilfe wird die Probleme von Armut, Krankheit und Unterernährung in Afrika nicht lösen. Auch ein Kompromiss zwischen den USA und der EU in Sachen Klimaschutz wird die Erderwärmung nicht stoppen. Selbst ein durchschlagender Erfolg auf dem Gipfel der acht führenden Industrienationen in Schottland wird die Welt kaum verbessern. Was immer in Gleneagles herauskommt - Bob Geldof, Bono und all die anderen Künstler der Live-8- Bewegung wird eine Enttäuschung nicht erspart bleiben. Und die Demonstranten, die mit oder ohne Gewalt gegen die Globalisierung protestieren, werden die real existierende Weltwirtschaft danach genauso hassen.

Dennoch bietet dieser G-8- Gipfel die Chance für eine atmosphärische Aufhellung in der internationalen Politik. Gastgeber Tony Blair kämpft mit aller seiner Kraft gegen den Eindruck, dass die westliche Welt wegen ihrer Zerstrittenheit und Führungsschwäche den großen globalen Prob^lemen der Zeit hilflos gegenübersteht. Der radikale Pragmatiker Blair ist überzeugt, dass selbst die tiefsten Schluchten überbrückt werden können - zwischen den USA und Europa genauso wie zwischen den Bankern der Londoner City und den Entwicklungshelfern in der Sahelzone.

Sein "Plan für Afrika" soll den Beweis erbringen, dass keine Region der Welt von den Chancen einer wachsenden globalen Marktwirtschaft ausgeschlossen bleiben muss. Und mit dem Versuch, die USA für eine Light-Version des Kiotoprotokolls zu gewinnen, will Blair den Glaubenskrieg um den Klimawandel in ein gemeinsames Projekt umwandeln, in dem mithilfe des Emissionshandels der Ausstoß der gefährlichen Treibhausgase kostengünstig eingedämmt werden kann.

Beim Klimaschutz wären die Voraussetzungen für eine Einigung vorhanden. Der Handel mit CO-Rechten ist in der EU angelaufen und erweist sich als erträgliche Belastung für die europäische Industrie. Und auch in den USA, dem größten Treibhausgasproduzenten der Welt, wird der Ruf nach einer effektiven Klimastrategie immer lauter - vor allem aus Arnold Schwarzeneggers Kalifornien. Wenn eine Einigung in Schottland scheitert, dann an der Starrköpfigkeit der Bush-Regierung, die immer noch die Erderwärmung als Fiktion betrachtet - und jede Form des Klimaschutzes als Gift für die Wirtschaft.

Bessere Chancen auf eine Einigung bestehen bei der Afrikahilfe. Selbst die Deutschen, die am Sinn von höherer Entwicklungshilfe am stärksten zweifeln, sind auf den Bono-Blair-Zug aufgestiegen. Wer kann heute noch gegen Hilfe für aidskranke und hungernde Afrikaner sein?

Ob all das etwas nützt, wird sich erst später zeigen. Denn die bisherige Bilanz der Entwicklungshilfe ist ernüchternd: Ein Großteil aller Gelder für Afrika ist in den vergangenen Jahrzehnten in einem Sumpf von Korruption, Ineffizienz und Bürgerkriegen versickert, während in Ländern wie China und Indien die Wirtschaft praktisch ohne Auslandshilfe boomt und die Armut dadurch sinkt.

Aber selbst Skeptiker sind inzwischen zu einem neuen Anlauf für Afrika bereit. Prominente Ökonomen wie Jeffrey Sachs haben dafür den Boden bereitet mit konkreten Plänen, wie mit gezielten Projekten gegen Krankheit (vor allem Malaria) und Hunger nicht nur das Elend bekämpft, sondern auch die wirtschaftliche Produktivität gesteigert werden kann.

Wichtiger als großzügige Gesten der G-8 wie der geplante Schuldenerlass, der die Geberländer wenig kostet und den Empfängern wenig bringt, sind Anreize für eine sauberere Politik sowie der gezielte Einsatz einfacher Mittel vor Ort - vor allem Moskitonetze, Impfungen und dürreresistentes Saatgut.

Diese Mühen der Ebene sind vom schottischen Hochland weit entfernt. Doch Blair versucht auf seinem Gipfel zumindest, Zeichen der Zuversicht und des Aufbruchs zu setzen. Das ist mehr, als anderen europäischen Politikern zuletzt gelungen ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.7.2005)

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