Jetzt darf Afrika nicht vergeblich hoffen

29. Juli 2005, 16:07
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Der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu fordert im Kommentar der anderen langfristige Maßnahmen für Afrika

Gegenwärtig eröffnet sich für Afrika eine historische Chance. Afrika hat sich im letzten Jahrzehnt tief greifend gewandelt und könnte nun mit entsprechender Unterstützung selbst die Initiative zur Bekämpfung der Armut und zur Überwindung der Konflikte der Vergangenheit ergreifen. Diese Woche tagen die Staats- und Regierungschefs der G-8 – der acht reichsten Industrienationen der Welt. Ein wesentlicher Punkt auf ihrer Tagesordnung wird eine Vereinbarung über die Art und Weise der zu leistenden Unterstützung sein.

Warum richten sich nun alle Blicke auf Afrika? Als der britische Premierminister Tony Blair letztes Jahr die Kommission für Afrika bildete, nannte er den Kontinent "eine Wunde im Gewissen der Welt" – die einzige Region, in der die Menschen in größerer Armut als vor 30 Jahren lebten.

Mehr als 40 Millionen afrikanische Kinder werden nie ein Klassenzimmer von innen sehen. Über die Hälfte der Bevölkerung lebt von weniger als einem Dollar pro Tag. Die Armut wird durch die Ausbreitung von HIV/Aids und anderen Krankheiten, durch den Mangel an den grundle^gends^ten Einrichtungen, durch Korruption und schlechte Regierungsführung, Gewalt und ein Technologiedefizit verschärft. Dennoch gibt es in Afrika Anzeichen für Hoffnung, die wahrgenommen werden müssen.

Es gibt heute mehr gewählte Regierungen und weniger Bürgerkriege. Einige Länder können auf beneidenswerte Wachstumsraten verweisen. Was vielleicht noch wichtiger ist: Die Regierungen afrikanischer Länder demonstrieren im Rahmen der Afrikanischen Union und der Neuen Partnerschaft für die Entwicklung Afrikas (Nepad) jenen Führungswillen, der für weitere Fortschritte notwendig ist.

Ganzheitlicher Ansatz

Erforderlich ist ein ganzheitlicher Ansatz, und insbesondere einer, der die seitens der Afrikanischen Union und der Nepad bereits unternommenen Bemühungen unterstützt und darauf aufbaut. Das müssen die reichen Länder respektieren und den negativen Auswirkungen ihrer eigenen Politik – von handelsverzerrenden Agrarsubventionen bis hin zur Ausbeutung von Ressourcen – entgegentreten.

Dennoch wurde bereits viel erreicht. Durch die Einrichtung der Kommission für Afrika, die im März ihren Bericht vorlegte, sowie durch den Schwerpunkt Afrika anlässlich des gegenwärtigen britischen G-8-Vorsitzes hat Tony Blair dieses Thema ganz oben auf die internationale Agenda gesetzt.

Präsident George W. Bush hat zu Recht darauf hingewiesen, dass die US-Hilfe für die südlich der Sahara gelegenen afrikanischen Länder nach der im Jahr 2002 bei der Internationalen Konferenz über die Entwicklungsfinanzierung in Monterrey, Mexiko, gegebenen Zusagen verdreifacht wurde. Weiters hat die Europäische Union eine Steigerung ihrer Entwicklungshilfe für arme Länder zugesagt, womit bis 2010 eine Verdoppelung erreicht werden soll. Das würde zusätzliche 20 Milliarden Dollar pro Jahr für Afrika bedeuten.

Erst kürzlich haben der britische Finanzminister Gordon Brown und sein US-amerikanischer Amtskollege John W. Snow ihren G-8-Partnern einen völligen Schuldenerlass für die 18 ärmsten Länder der Erde in Höhe von 40 Milliarden Dollar erfolgreich abgerungen. Auch hier verdienen Blair und Bush Anerkennung. Die begeisterte Reaktion des Weltbankpräsidenten Paul Wolfowitz auf diese wichtige Initiative ist sehr ermutigend.

Dennoch wird dies allein, so bedeutend es auch ist, nicht ausreichen. Damit die Entschuldung ihre volle Wirkung entfalten kann, müssen wir noch zusätzliche Maßnahmen ergreifen, um die langfristige Entwicklung zu fördern und um sicherzustellen, dass die sich nun bietenden Chancen mehr als ein flüchtiges Trugbild sind.

So sollten zunächst gemäß den Empfehlungen der Kommission für Afrika die Hilfsgelder bei intelligenterem, rationellerem Einsatz um jährlich 25 Milliarden Dollar aufgestockt werden. Darauf sollte, abhängig von den kurzfristig erzielten Ergebnissen, nach fünf Jahren eine weitere, ähnliche Erhöhung der Mittel erfolgen.

Diese Zahl ist nicht aus der Luft gegriffen. Sie basiert auf einer Berechnung des Mindestbedarfs, der zur Bekämpfung der dringendsten Probleme wie Hunger, Krankheiten und Armut sowie zur Schaffung einer Basis für die zukünftige Entwicklung in Form von Zugang zu Bildung und Technologie, Nachhaltigkeit im Umweltbereich, Konfliktprävention und -lösung und die Förderung des Unternehmertums notwendig ist.

Belohnte Reformen

Wer meint, dass man damit einfach gutes Geld schlechtem nachwerfen würde, missachtet die Zusage, die von der internationalen Gemeinschaft bereits in Monterrey gegeben wurde: "Keinem Land, das sich ernsthaft für Armutsbekämpfung, gute Regierungsführung und wirtschaftliche Reformen einsetzt, soll die Chance, die Millenniumsentwicklungsziele zu erreichen, aufgrund mangelnder Finanzierung versagt werden."

Der Bericht der Kommission für Afrika, der die Grundlage für die Diskussionen der G-8 darstellen wird, geht auf Probleme wie schlechte Regierungsführung und Korruption direkt ein und spricht deutlich aus, dass mehr Hilfe Hand in Hand mit Verbesserungen bei Regierungsführung, Transparenz und Rechenschaftspflicht gehen muss. In meinem Heimatland Südafrika fühlte sich Präsident Thabo Mbeki vor Kurzem gezwungen, den in einen Finanzkorruptionsskandal verwickelten Vizepräsidenten Jacob Zuma zu entlassen. Das zeigt, wie ernst Präsident Mbeki die Forderung nach einer transparenten und rechenschaftspflichtigen, keine Korruption duldenden Regierung nimmt.

Zweitens müssen wir das bei der laufenden Gesprächsrunde der Welthandelsorganisation abgegebene Bekenntnis zu Handelserleichterungen und Entwicklungszielen noch weiter vertiefen, um für landwirtschaftliche und sonstige Produkte der ärmsten Länder einen durch keinerlei Zölle oder Quoten beschränkten Zugang zu den reichen Märkten zu erlangen. Gescheiterte Länder und Regionen bilden einen Nährboden für Unzufriedenheit und Gewalt. Wir leben in einer Welt gegenseitiger Abhängigkeiten. Was in Afrika geschieht, wird uns alle betreffen. Dies ist eine Chance, die ergriffen werden muss, und zwar jetzt.

Desmond Tutu ist ehemaliger anglikanischer Erzbischof von Kapstadt, Südafrika.
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    Desmond Tutu: "Was in Afrika geschieht, wird uns alle betreffen. Dies ist eine Chance, die ergriffen werden muss, und zwar jetzt."

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