Renner wäre "brauner Faschismus lieber als der schwarze" gewesen

19. Dezember 2005, 15:01
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Zweiter Bericht zu SP-Geschichte erschienen - Fast elf Prozent Ex-Nazis nach 1945 - Gusenbauer: "Wo viel Licht, da viel Schatten"

Wien - Die SPÖ hat am Dienstagnachmittag ihren zweiten Historikerbericht zu den "braunen Flecken" auf der Parteigeschichte vorgestellt. Kernergebnis des Historikerberichts: Während sich die SPÖ unmittelbar nach dem Krieg für die Entnazifizierung eingesetzt hat, setzte spätestens mit der Wahlniederlage 1945 ein Meinungsumschwung ein und auch die SPÖ plädierte nun für eine rasche Rehabilitierung und Integration ehemaliger NSDAP-Mitglieder.

Renner: "Brauner Faschismus lieber als der schwarze"

Bei seinen Recherchen war das sechsköpfige Team von Zeitgeschichtlern unter anderem auf bedenkliche Aussagen des zweifachen Republikgründers und SP-Säulenheiligen Karl Renner gestoßen. Er hatte im Oktober 1945 gemeint, "dass, wenn die außenpolitischen Auswirkungen nicht gewesen wären, mir der braune Faschismus lieber als der schwarze gewesen wäre". SP-Chef Alfred Gusenbauer meinte am Dienstag angesichts solcher Aussagen, gerade Renner sei ein Beispiel für den Spruch: "Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten."

Aufforderung an andere Parteien

Gusenbauer forderte bei der Präsentation des Historikerberichts einmal mehr auch die anderen Parteien auf, sich ihrer Geschichte zu stellen. Die SPÖ sei hier mit gutem Beispiel voran gegangen. Eine weitere Untersuchung zu Vermögensentzug und Restitution innerhalb der SPÖ wird laut Gusenbauer in den kommenden Monaten publiziert. Der erste Historikerreport war bereits im Jänner 2005 erschienen und beschäftigte sich mit den "braunen Flecken" im Bund Sozialdemokratischer Akademiker (BSA).

Fast elf Prozent Nazis

Die von der SPÖ beauftragten Historiker haben bei ihren Recherchen herausgefunden, dass fast elf Prozent der SP-Parlamentarier nach 1945 frühere Nationalsozialisten waren. Am höchsten war der Anteil mit 35,3 Prozent in Tirol und mit 25,6 Prozent in Kärnten. In Wien waren es mit 3,3 Prozent vergleichsweise wenig. Bei der ÖVP betrug der Vergleichswert im Bundesdurchschnitt 12,8 Prozent. Bei den so genannten Illegalen (Personen, die der NSDAP bereits vor 1938 beigetreten waren) lag die ÖVP mit 4,5 deutlich vor der SPÖ mit 2,2 Prozent. (APA)

Das aktuelle Buch

"Entnazifizierung zwischen politischem Anspruch, Parteienkonkurrenz und Kaltem Krieg. Das Beispiel SPÖ", 361 Seiten, Hsg. Maria Mesner, Oldenburg-Verlag, 39,80 Euro, ISBN 3-7029-0534-0

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    Karl Renner hat laut dem zweiten Historikerbericht zu den "braunen Flecken" der SPÖ 1945 gemeint, "dass, wenn die außenpolitischen Auswirkungen nicht gewesen wären, mir der braune Faschismus lieber als der schwarze gewesen wäre"

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