Ein langer, ruhiger Ritt

20. Mai 2005, 10:07
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Hier ein Minarett, da eine italienische Villa: der ägäische Tourismus-Dauerbrenner Rhodos ist ein Kaleidoskop europäischer Geschichte und ein Hort der Gemächlichkeit

Ein Klecks Pastell im Hafenbecken, dazu ein Hauch von Sonnenuntergang frisch aus der aufgerollten Ölfarbtube: Leicht huscht Jannis Pinselspitze über Rhodos Himmel, trippelt die Zinnen der Burgfeste entlang, schwebt schließlich hoch, und bettet geblähte Schäfchenwolken ins monochrom mediterrane Blau. Allmählich entsteht so das Bild von Rhodos-Stadt an Jannis morscher Staffelei. Ringsum Touristen, und in der Mitte das pittoreske Querformat, das der altgediente Straßenmaler am Mandraki-Hafen tagtäglich im Akkord reproduziert: Wippende Segelschiffchen starren da im bewährt öligen Vordergrund.

Dann Stadtmauern von zyklopischer Statur. Ein riesenhaftes Tor. Und hoch droben thronend der Großmeisterpalast - ein "neues" Wahrzeichen der legendären Ritterstadt. Zwischendurch porträtiert Jannis auch Pubertäre ohne jeden Pickel im Gesicht. Großmütter ohne Backentaschen. Und rundäugige Japaner sowieso. Doch am besten verkauft sich immer noch die blendende Visage der stolzen Stadt. Kein Wunder, gilt Rhodos doch seit Jahrhunderten als touristischer Dauerrenner der östlichen Ägäis - und damit auch als alteingeführter Spielgrund fremder Phantasien. So etwas prägt auf Dauer: Italienische Villen und mittelalterliche Bollwerke gehören nun zum fixen Inventar der einst heiß umfehdeten Kreuzritter-Stadt, ebenso wie plätschernde türkische Haremsbrunnen. Seit 1522 legten etwa die türkischen Maurer des Osmanischen Reiches Hand an die mittelalterliche Traumkulisse des 1309 etablierten Ordensritter-Stützpunktes, bescherten Rhodos hier ein angebautes Minarett, dort ein beigestelltes Mihrab, machten aus Kirchen und Ritterhäusern im Hand- und Ziegelsteinumdrehen Moscheen.

Abendländischer präsentiert sich da wohl das bekannteste Prunkstück des historisch dichten Pflasters, nämlich die Odos Ippoton vulgo Ritterstraße. Hier finden sich die "Herbergen" der Kreuzritter - eine Art "Palm Beach" des Mittelalters. Wer hier wohnte, hatte es geschafft: Anonyme Privatresidenzen reihen sich an offizielle Herbergen, der Palast der Ritter Frankreichs etwa an jene der spanischen oder italienischen Branchenkollegen. Dichte Herden parallel geführter Teleobjektive künden heute die prächtige Straßenflucht der kurzen Odos Ippoton bereits an den Torbögen Ecke Odos Alexandrou an, und der feine Duft von Jasmin und Thymian, der aus jedem zweiten Innenhof strömt, will so gar nicht zur im Gegenlicht sonderbar "gefrorenen" Starre der spätgotischen Fassadenflucht wirken.

Ein eigentümlich artifizieller Gehalt, ein Hauch von Disneyland umweht diese Dodekanes-Insel schon seit jeher: Lange nachdem die Ritterschaft verschwunden, die Türken vertrieben waren, entstanden etwa erst jene "antike" Bauten, die große Teile der Stadt bis heute prägen. Der markante "Großmeisterpalast" am oberen Ende der Odos Ippoton wurde etwa erst 1912, mit dem Machtantritt der Italiener, nach alten Burg-Plänen errichtet, und mit Kopien antiker Mosaike ausgelegt. Selbst die lokale Akropolis am Monte Smith, dem Hausberg der Stadt Rhodos, haben die italienischen Besatzer samt Stadion und Theater auf altem Fundament komplett neu aufgebaut. Nahtlos fügen sich da sogar die antiken Berichte ein: Auf neunhundert Kamelen soll ein syrischer Händler die abgezogenen bronzene Götterhaut des beim Erdbeben gestürzten, über dreißig Meter hohen Helios-Bildnisses, besser bekannt als weltwunderlicher "Koloss von Rhodos", abtransportiert und später eingeschmolzen haben.

Sanfter vermarktet wurden hingegen die Reste der "unbekannt" gebliebenen Ägäis-Insel. Südlich vom historischen Mauerwerk der Stadt Rhodos, die den äußersten Nordzipfel der Insel belegt, verlaufen zahllose schöne Wanderwege durch ein fallweise wildromantisches, zerklüftetes Inselinneres zum 1215 Meter hohen, kahlen Attaviros-Massiv.

Zum schönen Ausblick taugt aber auch das antike Lindos , zu dessen beeindruckend gelegener Akropolis sich freilich bis zu 8000 Touristen täglich hochquälen. Die idyllischen Zeiten, in denen Lindos als Kolonie britischer Hippies und Teilzeitkünstler international Furore machte, sind hier längst vorbei. Zur grellen Mittagsstunde wirkt das Weiß gekalkte Dorf immer noch leicht halluzinogen, und das Alltagsleben plätschert dahin wie ein langer, ruhiger Ritt: Maultier-Karawanen zwängen sich mit Touristen durch malerische Gassen, der Tarif zum Eselritt wird gewerkschaftlich kontrolliert.

Geruhsamer ist da schon der Ort Kattavia: Lediglich eine staubige Straße führt längs eines Bergkammes ins südlichste Dorf der Insel hinunter. Weit draußen hockt die kleine Nachbarinsel Chalki im blitzblauen Meer. Völlig unbesiedelt ist die stürmische Westküste hier. Auch das verschlafene und von Hügeln umgebene Kattavia kann am ägäischen Gleichklang nichts ändern. Ebensowenig übrigens wie die gänzlich unverbaute Halbinsel Prassonissi, die nur ein Dünen-Isthmus mit Rhodos Südzipfel verbindet. Mit soviel Einsamkeit können auch die schönen Ostküstenstrände von Vlicha, Lardos und Gennadi nicht mithalten.

Unterschiedlich ist der Verlauf der 220 Kilometer langen Küste in jedem Fall. Nicht nur wegen des schirmchenweise verkauften Schattens im Norden, wo sich ein Großteil der runden Million Besucher drängen: Der durch Steilfelsen und kleine Sandbuchten separierten Ostküste stehen die flacheren und meist auch windigeren Schotterküsten des Westens gegenüber. Hüben der kilometerlange, einsame Sandstrand von Tsambika, oder die romantische Bucht "Anthony Quinn" bei Feraklos, und drüben so zerzauste Ruinen wie die ehemalige Kreuzritterburg Monolithos im Südwesten der Insel.

Verwunschen und kein bißchen überlaufen sind auch viele Ziele im Inneren der Insel. Da sorgt der relative Wasserreichtum für kleine, schattige Pinienwäldchen, beim Ausflugsziel Epta Pighieres ("sieben Quellen") gar für einen schwärzlich glänzenden Bergsee, der zugleich als beliebter Picknickort gilt. Palmen und Zypressen prägen die Silhouette vieler Dörfer, Obstblüten und frühlingshafte Blumenwiesen rahmen das Land zur Vorsaison. Auf terrassierten Hängen gedeihen berühmte Weine wie der rote "Chevalier de Rhodes". Duftende Eukalyptusalleen führen in beschauliche Dörfer wie das Kaff Kolimbia, und Wanderwege durch den Nadelwald zum Kloster Thari, in dem nach jahrzehntelanger Unterbrechung erstmals wieder Mönche siedeln. Die 600 Jahre alte Byzantiner-Kirche Agios Nikólaos Funtukli ist ein anderer Wald- und Wiesen-Geheimtipp, und selbiges gilt für die Orchideensuche in den Wäldern von Profiti Ilias. Sogar verirren kann man sich dort. Zum Beispiel ins weltberühmte Tal der Schmetterlinge, nach Petaloudes, wo im Hochsommer, angelockt vom Duft der seltenen Amberbäumchen, Millionen Spezies der "Spanischen Flagge" für orangefarbene Wolkenwirbel inmitten einer üppig grünen Gegend sorgen. Und fürs beliebteste pointillistische Sujet der Insel - Strassenmaler Yannis weiß Bescheid. (Der Standard, Printausgabe)

Von Robert Haidinger
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