Dollarland und Pesoland

31. Mai 2005, 12:53
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Warum fegt ein Lehrer lieber die Straßen Havannas, als an der Universität zu unterrichten? "Beim Straßenkehren kannst Du denken".

Vor ein paar Wochen, da nahm der Mann, den wir hier Pedro nennen, sein Rasiermesser zur Hand, schäumte seinen Kopf mit einem Stückchen Seife ein und rasierte alle Haare ab.

Pedro sagt, dass er den Kopf immer dann abrasiert, wenn er "innerlich emigrieren will". Etwa dann, wenn in Sondersendungen die stundenlangen Monologe des Comandante en jefe übertragen werden. Wenn wieder die fröhlichen Kinder, mit ihren kubanischen Fahnen, aus den Fernsehschirmen winken und mit verdreckten brasilianischen Straßenkindern gegengeschnitten werden.

Wenn die Parteizeitungen, die Rebelde und Granma heißen, am nächsten Tag auf dutzenden Sonderseiten über die dutzenden Sondersendungen berichten. "Ich werde mich den Kubanern wieder für einige Zeit entziehen", sagt Pedro und schlürft gepanschten Rum, der aus verbeulten Metallkanistern abgezapft wird. Pedro, ein sensibler, belesener Universitätslehrer ist vielleicht das, was man in Europa einen Dissidenten nennen würde. Einer jener Kubaner, die den Touristen nicht um Seife, Rasierzeug und Dollar, sondern um ein paar westliche Zeitungen bitten.

Zur Zeit fegt Pedro die Straßen des kleinen Stadtteils Regla. 200 Peso, umgerechnet rund 10 Dollar im Monat zahlt ihm die Stadtverwaltung dafür. "Das ist mehr, als ein Arzt verdient", sagt er, "und an der Universität halte ich den Schwachsinn nicht mehr aus. Du verhungerst geistig". Eigentlich wollte Pedro mit seinem perfekten Deutsch, das die Farbe Ostdeutschlands angenommen hat, im Tourismus arbeiten. Fremde durch die lauten Gassen im Zentrum Havannas führen. Mit ihnen über seine Zeit als Ingenieur in der DDR oder den Fall der Mauer plaudern, der ihn wieder zurück auf die Insel verbannt hat.

Doch seine, nach Mexiko geflüchtete Schwester, machte die Behörden misstrauisch. Sie ließen Pedros Ansuchen monatelang unbearbeitet liegen, bespitzelten ihn und verweigerten ihm schließlich den Job. "Beim Kehren kannst Du wenigstens denken", sagt Pedro. Jahr 41 nach der Revolution. Castros Bart ist grau. Seine Stimme krächzt. "Nichts ist mehr möglich. Du hast hier keine Zukunft, außer Du beginnst mit illegalen Geschäften, die Dollar bringen", sagt Pietro.

Gefälschte Zigarren, eine Taxifahrt mit einem alten Chevy, oder Frauen vermitteln. Seit sich der sowjetische Bruder mit den großzügigen Zuckerrohrpreisen auf den Misthaufen der Geschichte verabschiedet hat, taumeln die Kubaner am Rande der Armut. Für Medikamente und Benzin kassiert Fidel Castro das Geld des Erzfeindes.

Pesos sind das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt sind. Nur der rote 3-Peso-Schein, auf dem Volksheld Che mit strenger Mine blickt, ist bei Touristen ein paar Dollar wert. "Kuba hat sich längst in zwei Länder geteilt", versichert Pedro. Dollarland und Pesoland. Wer Pesos in der Tasche trägt, bekommt nichts, muss Schlange stehen und sich mit ein wenig Gemüse zufrieden geben, das von einem staatlichen Lastwagen am Rande der Stadt abgeworfen wird. Statt Klopapier werden die alten Ausgaben der Rebelde gefaltet.

Die "Populares", die einzigen erschwinglichen kubanischen Zigaretten, bringen sogar Kubaner zum Keuchen. In trostlosen Geschäften bieten gelangweilte Verkäufe-rinnen ein paar rostige Schrauben und eine Sorte harter Lederschuhe an.

Für eine Zugkarte muss man eine Woche warten, aufwendig gestaltete Formulare ausfüllen, die Nummer des Geldscheines eintragen und den trögen Charme einer kubanischen Staatsangestellten ertragen. Pedro lebt in Pesoland. Er hat alle Mühe die paar Pesos zusammenzukratzen, mit denen er seine Gäste auf ein Glas Zuckerrohrsaft einladen will. Für den Saft, der nur Sonntags in einem kleinen staatlichen Geschäft aus einer uralten Maschine gepresst wird, steht man eine Viertelstunde Schlange.

Eine zweite Runde kann sich Pedro nicht leisten. "Es tut mir leid, ich habe kein Geld mehr", sagt er. Der Saft kostet 20 Groschen. Noch immer verbieten die USA ihren Bürgern jegliche Art von Geschäften mit dem Erzfeind. Und noch immer vermiest Castro seinem Volk private Geschäfte. Nur jene, die sich mit dem Staat arrangieren, verdienen eigenes Geld.

Familien, die um etliche 100 Dollar eine kleine Lizenz zum Zimmer vermieten erworben haben. Bäcker, die unter schikanösem bürokratischem Aufwand ölige Pizzas in den Elektroofen schieben dürfen. In den schönsten Bars wackeln nur Touristen mit ihren Hintern zum Salsa. Kubaner drücken sich vor den Absperrgittern die Nase platt. Zehn Dollar Eintritt. Ein Monatslohn.

Jahrzehntelang hatten die USA durch ihren Boykott Fidel Castro in die Hände der Sowjets getrieben und ihn zum richtigen Kommunisten bekehrt. Die Revolution verkam zur schlampigen Planwirtschaft. Aber Castro ist nicht Stalin und Kuba nicht Nordkorea. "In Osteuropa wünschte man sich westliche Demokratien, hier wünscht man sich keine lateinamerikanischen Demokratie", sagt Pedro, "Wir haben genug zu essen. Viele haben Angst, auf der Straße zu landen". Dort schlafen bis jetzt nur Hunde. Kinder betteln bislang nur um leckere Kaugummis. Doch die Früchte der kubanischen Revolution faulen.

Die Socken des Bankangestellten in der "Banco Nacional" sind nicht zufällig so zerrissen. Das Hemd des Barkeepers ist auffallend oft gestopft. In den Parks schlummern tagsüber viel zu viele Menschen. Die Balkone der Häuser werden mit dicken Pfosten gestützt. In den feuchten, nach Gas riechenden Kolonialvillen wurde seit Jahren nicht einmal eine Glühbirne ausgewechselt, weil es schlicht keine gibt.

Nur der gemeinsame kapitalistische Feind, der Kuba jahrhundertelang zum Puff und die Menschen zu Sklaven degradiert hatte, scheint die kleine Insel wie ein galllisches Dorf zu einen. "Der einzige, der in diesem Land denken darf, ist Castro", sagt Pedro, "aber seine Gehirnzellen sterben langsam ab". In einer Bar, die den Charme der 50er-Jahre mit jenem der Sowjetunion vereint, grammelt ein schlecht eingestelltes Radio. Die Vorhänge sind zugezogen, da auf der Straße ständig Polizei patrouilliert. "Lasst uns weggehen, sagt Pedro, "habt ihr gesehen, wie der Barkeeper böse hergesehen hat? Wer mit Touristen durch fremde Stadtteile in fremde Bars zieht, macht sich verdächtig."

Am Malecon, der ergrauten Hafenpromenade, auf der die verliebten Pärchen Havannas alle 20 Meter in ein Schlagloch stolpern, peitscht das Meer seine Wellen über die Mauer. Die Sonne taucht die von der Salzluft zerfressenen Häuser in tiefes Rot. Alte amerikanische Straßenkreuzer tuckern in den schönsten Farben (Dottergelb, Mintgrün) vorbei. In Seitengassen spielen Burschen Baseball. "Es ist sehr romantisch hier", schwärmt Pedro. Wenige Schritte weiter thront das berühmteste Hotel der Stadt. "Kommt, ich zeig Euch das National, hier haben Al Capone und Fidel Castro gewohnt". Schon an der Einfahrt hat der Hotelwärter Pedro mit einer lässigen Handbewegung zurückgewiesen. "Kubaner haben heute keinen Zutritt. Anweisung der Hotelverwaltung", übersetzt Pedro. Und tippt sich an den glattrasierten Kopf. (Der Standard, Printausgabe)

Von Florian Klenk

Florian Klenk ist Redakteur der Wiener Stadtzeitung Falter

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