Minsker Kinder greifen nach den Sternen

6. Juli 2005, 15:01
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Erholungsurlaub für Kinder, die an Spätfolgen der Tschernobyl-Katastrophe leiden

Wien - Ein begeistertes Raunen geht durch die Polster-Sitzreihen des Planetariums im Wiener Prater, als über den Köpfen der Kinder ein leuchtendes 360-Grad-Sternenfirmament auftaucht. Auf einmal scheint es, als würde sich der Raum drehen, immer schneller fliegt das Universum vorbei, und es dauert ein paar Schwindel erregende Sekundenbruchteile, bis man bemerkt, dass sich der Himmel dreht und nicht der Raum. Ein paar Kinder greifen in der Dunkelheit nach den Lehnen der Vordersitze, andere nach oben zu den Sternen, wo Planeten ihre Bahnen ziehen.

Die Mädchen und Buben aus Weißrussland tuscheln, kichern, wenn Asteroiden vorbei zischen, und sind hin- und hergerissen zwischen Mondkratern vor und Raumsonden hinter ihnen. Langsam entspannen und recken sie sich, sinken ganz tief in die großen, weichen Sessel und genießen die Reise ans Ende des Sonnensystems.

Spärlich ausgestattet

Erst später, im Tageslicht, fällt ein Unterschied zu anderen Kindern auf: Fast alle tragen T-Shirts und Kapperln, auf denen Werbeaufschriften heimischer Firmen und Organisationen prangen. "Die meisten sind mit einer minimalen Grundausstattung in Wien angekommen: zwei Unterhosen und ein verwaschenes Handtuch in einem Plastiksackerl", beschreibt Heinz Weiss, Chairman der Initiative "Beamte helfen", der zum zweiten Mal gemeinsam mit den Kinderfreunden den dreiwöchigen Erholungsurlaub in Wien organisiert hat.

Hohes Krebsrisiko

Die 42 Buben und Mädchen zwischen neun und 14 Jahren kommen aus dem nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl schwer verseuchten Gebiet um Minsk und leben in Waisenhäusern oder äußerst schwierigen Familienverhältnissen. Fast 20 Jahre nach dem Supergau leiden unzählige Kinder an den Spätfolgen, besonders an Krebserkrankungen - der Höhepunkt der Erkrankungswelle wird für das Jahr 2005 erwartet.

Dank zahlreicher Spender und Sponsoren erleben die Kinder während ihres Aufenthalts ein buntes Urlaubsprogramm. Der Besuch des Donauturms hat der 13-jährigen Mascha am besten gefallen, aber auch das Kindermuseum und die Polizeihundestaffel. Der zwölfjährige Denis wirkt schon sehr erwachsen, dementsprechend abgeklärt sind seine Zukunftspläne: "Raumfahrer werden ist zu schwierig - als Lkw-Fahrer kann man viele Länder sehen!"

Unterhosen ohne Werbung

Während für Unterhaltung gesorgt ist, sei es ungleich schwerer, eine Grundausstattung für die Kinder, die im Haus der Kinderfreunde am Schafberg und bei Gastfamilien untergebracht sind, zusammenzustellen: "Da Unterhosen (noch) keine Werbeaufschriften tragen, war es nicht so leicht, welche aufzutreiben", sagt Weiss.

Seit Anfang der 90er-Jahre bieten verschiedenste Organisationen Kindern die Möglichkeit zur Erholung - etwa die Caritas, die heuer das 10.000. Kind aus Weißrussland empfangen hat. Insgesamt machen jedes Jahr hunderte Kinder Ferien bei Gastfamilien in ganz Österreich. (kri, DER STANDARD Printausgabe, 05.06.2005)

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