"Rache am Abtreibungsgesetz"

4. Juli 2005, 19:37
15 Postings

Christiane Nüsslein-Volhard, Nobelpreis­trägerin für Medizin, im STANDARD-Interview über umstrittene Stammzellenforschung, lieblose Mütter und mächtige Bischöfe

An der 55. Tagung der NobelpreisträgerInnen in Lindau Ende Juni nahm die 1995 mit der Auszeichnung für Medizin geehrte Entwicklungsbiologin Christiane Nüsslein-Volhard (63) teil. Sie ist Mitglied des deutschen Ethikrates und unterstützt in einer von ihr gegründeten Stiftung junge Forscherinnen beim Managen von Familie und Beruf.

STANDARD: Sie kritisieren heftig die katholische Kirche, die das Forschen an embryonalen Stammzellen ablehnt. Können Sie diese Haltung nachvollziehen?

Christiane Nüsslein-Volhard: Natürlich. Ich verstehe, dass man eine Art Schutzschild braucht, das den menschlichen Embryo schützt. Er hat ja Vater und Mutter, hat ein Schicksal. An der katholischen Kirche kritisiere ich allerdings ihre Intoleranz gegenüber Frauen, vor allem in Fragen der Empfängnisverhütung und Abtreibung. Empfängnisverhütung muss sein, sonst platzt die Welt. Abtreibung finde ich persönlich schlimm, aber man kann sie offenbar nicht verhindern. Anscheinend wiegt das Unglück ungewollter Mutterschaft schwerer als der ethische Grundsatz, dass man werdendes Leben nicht töten soll. Zeitlich gesehen ist der Embryo aber bei der Abtreibung dem Menschsein viel näher als bei der Stammzellenforschung in der Petrischale! Da sehe ich eine krasse Inkonsequenz. Ich glaube, die Fixierung der Kirche auf das Embryonenschutzgesetz ist ihre Rache am Abtreibungsgesetz.

STANDARD: Ist die Forschung an menschlichen Embryonen auch unter NaturwissenschafterInnen stigmatisiert?

Nüsslein-Volhard: Klar, das ist keine angenehme Sache. Ich persönlich möchte nicht einmal Eingriffe an Mäusen vornehmen, da sie mir zu menschenähnlich sind. Tatsache aber ist, dass es Forscher gibt, die das tun wollen. In der Stammzellenforschung wird ja niemandem Leid zugefügt. Die bei der In-Vitro-Fertilisation übrig gebliebenen Embryonen werden sowieso eingefroren. Kann man da einfach sagen, die bösen Forscher dürfen nicht damit arbeiten?

STANDARD: Wer soll denn nun über den Umgang entscheiden?

Nüsslein-Volhard: Das Parlament und seine Abgeordneten. Die müssen sich informieren, mittels Expertengremien, die allerdings in Deutschland zur Zeit politisch besetzt sind, und mittels Ethikrat, der neutral besetzt ist. Ich frage mich nur, warum immer diese Bischöfe drinnen sitzen! Die haben natürlich einen enormen Einfluss auf die Politiker.

STANDARD: Apropos Einfluss: Wie schätzen Sie die Zukunft von Frauen in der Wissenschaft ein?

Nüsslein-Volhard: Ich hoffe sehr, dass es für Frauen selbstverständlicher wird, in der Spitzenforschung tätig zu sein. Heute gibt es leider noch immer gesellschaftliche Widerstände. Einerseits bei den Frauen selbst, die eine Karriere als nicht erstrebenswert erachten. Andererseits werden Frauen, die ihre Kinder in Krippen geben, negativ bewertet. Man erwartet hier zu Lande, dass sie zu Hause sitzen, denn ...

STANDARD: ... man fragt sie, warum sie ansonsten überhaupt Kinder haben?

Nüsslein-Volhard: Ja, aber für einen intellektuell trainierten Menschen ist es schwierig, dem Kind im Sandkasten beim Kuchenbacken zuzuschauen. Männer würden das nicht einen Tag aushalten. Frauen mutet man das aber zu. Ich finde, da wird viel Ideologie reingepackt. Dann heißt es, sie hat ihr Kind nicht lieb. Ich glaube, da muss noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, auch bei den Frauen selbst, die sich dauernd schuldig fühlen.

STANDARD: Wie ist Ihre Haltung zum Feminismus in der Wissenschaft?

Nüsslein-Volhard: Ich ecke mit Feministinnen und ihrer Einstellung an. Ich glaube nicht, dass die Welt der Männer eine andere ist als die der Frauen und dass der Feminismus dazu führen soll, dass Männer eher die weiblichen Seiten annehmen sollten als die Frauen die männliche. Für die Wissenschaft würde ich das gerne neutral sehen. Gute Wissenschaft ist gute Wissenschaft, egal ob von Männern oder Frauen gemacht. Wenn eine Wissenschafterin keine Zeit hat, die richtigen Kontrollen zu machen, dann ist ihre Forschung nicht gut, und sie hat den Job verfehlt. Wie ein Musiker, der nicht übt.

STANDARD: Sie sind eine von verschwindend wenigen Frauen, die den Nobelpreis bekommen haben. Was unterscheidet Sie von jenen "ohne"?

Nüsslein-Volhard: Wir hatten sicher Glück mit dem ergiebigen Thema der Entwicklungsbiologie, das auch Erfolg versprach. Wir wussten allerdings am Anfang nicht, dass die Gene jener Modellorganismen, die wir untersuchen, auch bei Menschen eine große Rolle spielen würden. Auf der anderen Seite habe ich eine starke Intensität und eine hohe Begeisterungsfähigkeit. Die finden Sie aber bei allen Nobelpreisträgern. (DER STANDARD, Print, 5.7.2005)

Das Gespräch führte Erika Müller

Zur Person

Christiane Nüsslein-Volhard, 1942 in Magdeburg (Sachsen-Anhalt) geboren, erhielt 1995 - mit E. Wieschaus und E. Lewis - für Entdeckungen in der "genetischen Kontrolle der frühen Embryonal- entwicklung" den Nobelpreis für Medizin. Sie identifizierten Gene, die im Ei der Taufliege die Anlage des Körperplans steuern. Seit 1985 leitet Nüsslein-Volhard das Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen.

  • Bild nicht mehr verfügbar
    Christiane Nuesslein-Volhard
Share if you care.