Kopf des Tages: Oskar Lafontaine

7. Juli 2005, 19:40
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Linkes Zugpferd mit rechten Sprüchen

Gestern in Kassel, heute in Berlin, morgen schon wieder im Saarland. Oskar Lafontaine tourt bei seinem politischen Comeback durch Deutschland wie jene Witzfigur, die - vom Taxifahrer gefragt, wo es denn hingehen solle - atemlos antwortet: "Egal, fahren Sie los, ich werde überall gebraucht."

Er ist wieder wer in der deutschen Politik, der "Napoleon von der Saar". Als Spitzenkandidat will Lafontaine das neue Linksbündnis gemeinsam mit dem PDS-Zampano Gregor Gysi in den Bundestag führen. Einen Etappensieg erreichte der Ex-SPD-Chef am Wochenende auf dem Parteitag der Wahlalternative "Arbeit und soziale Gerechtigkeit" (WASG). Die WASG-Kandidaten sind bereit, auf Listen der PDS zu kandidieren. Und am Montag besuchte Lafontaine zum ersten Mal die Parteizentrale der PDS, das Karl-Liebknecht-Haus.

Er ist älter geworden, hat ein paar Falten mehr als früher, aber eines hat sich nicht geändert: Lafontaine polarisiert nach wie vor und bringt Unruhe in die eigenen Reihen. So war es schon 1995, als er nach einer brillanten Rede auf dem Mannheimer Parteitag dem blassen Rudolf Scharping den SPD-Vorsitz entriss. Das empfanden viele als nicht fair. Aber sie folgten ihm, weil sie den begnadeten Populisten als ihren Heilsbringer ansahen, und er es verstand, die Seele der Partei zu wärmen.

Dass Oskar, wie er im Saarland nur genannt wird, nicht lange durchhielt und am 11. März 1999 als Finanzminister und Parteichef der Sozialdemokraten zurücktrat, verzeihen ihm viele Genossen bis heute nicht. Aber Lafontaine ist wie Gerhard Schröder ein Alphatier. Er will führen und nicht geführt werden.

Jetzt bietet sich dafür wieder Gelegenheit und der 61-Jährige ist heilfroh darüber. In seiner Villa zu hocken, den Weinkeller zu sortieren, einmal pro Woche gut bezahlt via Bild-Zeitung Schröders Reformen als unsozial zu geißeln oder gelegentlich als hoch dotierter Vortragsreisender in Sachen Gerechtigkeit durch die Lande zu ziehen, ist ihm längst langweilig geworden.

Einer wie Lafontaine braucht das Scheinwerferlicht und die Bühne. Seit er mit der SPD gebrochen hat und zur WASG wechselte, ist ihm beides wieder gewiss. Es geht ihm um die gute Sache, betont Lafontaine und beginnt doch so viele Sätze in seinen Reden mit dem Wörtchen "ich". Auch in der WASG gibt es Vorbehalte. Lafontaines rechte Sprüche (gegen "Fremdarbeiter", gegen einen EU-Beitritt der Türkei, ja zur polizeilichen Folter, wenn dadurch das Leben eines Kindes gerettet werden kann), irritieren viele. Aber genauso wie Lafontaine die WASG braucht, braucht sie ihn als Zugpferd. Schröder hätte gerne weiterhin auf ihn verzichtet. Seit Lafontaines Abgang haben die beiden "Enkel" von Willy Brandt nie wieder ein Wort miteinander gewechselt. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.7.2005)

von Birgit Baumann
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