Amerikanisierung - kein Patentrezept

12. Juli 2005, 09:32
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Die Politologen Filzmaier und Plasser analysieren die US-Wahl 2004

Wien - Wahlkampfausgaben in "surrealer Höhe", eine unermüdliche, zielgenaue Bearbeitung auch kleiner Wählersegmente ("micro targeting") sowie eine üppige Dosis an politischer Negativwerbung: Das sind drei zentrale Faktoren, die für den US-Wahlkampf 2004 charakteristisch waren. Exakt zum US-Nationalfeiertag haben die Politologen Peter Filzmaier und Fritz Plasser am gestrigen Montag in Wien die Ergebnisse ihrer Forschungsbemühungen zum politischen Spitzenereignis des Vorjahres präsentiert.

Diese Arbeit ist jetzt auch in Buchform erhältlich (Politik auf amerikanisch. Manz Verlag) und zeichnet sich durch eine betont sachliche Herangehensweise an das Thema aus: Filzmaier und Plasser, beide exquisite Kenner der Materie, haben versucht, die US-Wahlen in erster Linie als Phänomen eigenen Rechts zu analysieren. Damit mussten sie sich auch zwangsläufig mit dem Klischeebild auseinander setzen, dass heute auch europäische Wahlkämpfe restlos "amerikanisiert" oder wenigstens amerikanisierbar seien.

US-Eigenheiten

Gerade das, meinten die Wissenschafter, werde aber oft voreilig angenommen. Plasser wies auf Eigenheiten des US-Wahlsystems hin (Nichtexistenz einer bundesweiten Wahlordnung, das archaisch anmutende Wahlmännersystem), welche etwa zu einer hochgradigen regionalen Fokussierung der Ressourcen führen. So wurden 2004 80 Prozent der Gelder in gerade zehn der 50 Bundesstaaten ausgegeben. Filzmaier wies darauf hin, dass die Negativwerbung, ein typisches Asset von US-Wahlkämpfen, dort viel mehr dazu diene, Aufmerksamkeit zu wecken als Wählerstimmen einzukassieren. In einem Land von den Dimensionen der USA ist das auch viel dringlicher als in Österreich, wo negative Wahlkampfstrategien leicht kontraproduktiv werden könnten.

Eines freilich können die Österreicher von den Amis lernen: Vor die Wahl zwischen zwei Strategien gestellt - nämlich zu versuchen, Wechselwähler auf die eigene Seite zu ziehen oder aber möglichst viele Stammwähler auch wirklich an die Urne zu bekommen - habe sich die zweite als die wirklich entscheidende erwiesen. Die Mobilisierung von Stammwählern, so Filzmaier, werde auch bei den bevorstehenden Wahlgängen in Österreich der zentrale Faktor sein. (Christoph Winder/DER STANDARD, Printausgabe, 5.7.2005)

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