Der Brillen-Elvis als König von Amerika

9. Juli 2005, 20:35
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Seit fast zwei Jahrzehnten war er nicht mehr in Österreich live zu erleben: Jazzfest Wien präsentierte nun endlich wieder Elvis Costello und seine Band, The Imposters

Eine gute Wahl, wie der in bester Spiellaune auftretende Brite über zwei Stunden lang beweisen sollte.


Wien - "We're caught in a trap, I can't walk out, because I love you too much baby. Why can't you see, what you're doing to me, when you don't believe a word I say?" Der Brillen-Elvis singt tatsächlich den Koteletten-Elvis! Als der eine, Elvis Costello den Song Alison mit des Königs Suspicious Minds zum Medley verschränkte, war das einer von vielen kleinen und großen Höhepunkten dieses Konzertabends.

Vorweg: Was der als Declan McManus reisende Brite am Sonntagsabend in der Wiener Oper im Rahmen des Jazzfest geboten hat, war großartig. Dabei war durchaus Skepsis angebracht: Immerhin ist die Oper als Austragungsort für Popkonzerte atmosphärisch eigentlich eine Katastrophe. Das Publikum ist an seinen, dem Begriff Beinfreiheit die spröde abgespreizten Sesselleisten zeigenden Sitzen wie fest geschraubt. Selbst wenn hier eine Party einmal abgeht - wie eben bei Costello - bleibt diese auf die Mikrokosmen der Logen begrenzte.

Außerdem lud man den an einem Mittwoch des Jahres 1954 in Sheffield geborenen Costello zu einem Zeitpunkt ein, an dem dieser sich nach Verirrungen wie dem Album For The Stars, auf dem der kauzige Hutträger mit der schwedischen Sopranistin Anne Sofie von Otter grauenhaft Standards sang, wieder härteren Klängen zugewandt hatte. Nach When I Was Cruel (2002) verdeutlicht das sein aktuelles Album The Delivery Man.

Darauf bereist Costello mit seiner dreiköpfigen Band, den Imposters, den amerikanischen Süden: Nashville, Memphis, New Orleans und all die mythisch aufgeladenen Kaffs dazwischen, in denen die Wiegen diverser Blues-Götter wie Muddy Waters standen. Dementsprechend gestaltete sich ein Großteils des Sets: Mit harschem Boogie-Rock in Schräglage, der an die diesbezüglichen Großmeister Mudboy & The Neutrons erinnerte, eröffnete er den Abend, um nach ein paar, die Grundfesten der Spielstätte überprüfenden Rumplern mit Country Darkness in die Tiefe zu gehen: Ein auf zurückgenommener Rhythmusabteilung aufgebauter Song, den ein zärtliches Klaviermotiv führte, zu dem Costello seine Gitarre weinen ließ und sich stimmlich erstmals an diesem Abend in jenen Bereiche vortastete, die mit beseelt am besten beschrieben sind.

"Almost Blue"

Angetan in einem blauen Anzug der Marke "Um die Hüften breit gewordener Strizzi auf der Bourbon Street" und silbernen Schuhen aus einer ebenso einschlägigen Manufaktur, belebte er das Stück mit besonderer Innigkeit. Etwas, das ihm bei Almost Blue - stimmungsvoll in blaues Licht getaucht - oder dem Southern-Soul-Klassiker Dark End Of The Street später noch viel gänsehauterzeugender gelingen sollte.

Zuvor lud Elvis jedoch mit den keinen Ton zu viel spielenden Imposters tief ins Delta und führte vor, welch betörenden Ergebnisse die Kollision von hektischem New-Wave-und Punk-Gestus mit der faulen Nachlässigkeit der Delta-Musik zeitigen kann. Auch alte Songs wie etwa Clubland von dem 1981 veröffentlichten Album Trust wurden dahingehend gedeutet.

Ungleich beschaulicher als harte Rock'n'Roll-Stomper wie das mit großer Wucht und Lust in den Saal geprügelte Monkey To Man nahmen sich da einige poppige Kleinode aus, die Costello sich und dem Publikum als kleine Verschnaufpause gönnte: Toledo etwa, vom Album Painted From Memory. Einem Werk, das er Ende der 90er-Jahre gemeinsam mit dem Kaiser des Leichte-Muse-Pop, mit Burt Bacharach, eingespielt hat - und das in seiner Luftigkeit deutlich dessen Handschrift trug. Auch Our Little Angel des bescheiden King Of America benannten 1986er-Albums war so eine Verschnaufpause.

Doch das in die Sitze gezwungene und dort zu einer gewissen Lahmheit neigende Publikum brauchte etwas Feuer - und es sollte dieses bekommen. Bevor er mit einer brachialen Version von Delivery Man aufwartete, wurde man Zeuge, wie Costello und sein an den Pianisten der Muppetshow erinnernde Tastenmann, Steve Nieve, ein paar kaum noch auszumachende Stücke zwischen Wabberorgel, Bontempi-Quälen und Swamp-Rock-Geholze zu dem kaum noch ein Rhythmus fand, hingabevoll demolierte. Wild und groß!

In dem großzügig bemessenen Zugabenblock schwitzte sich Costello noch Klassiker wie Pump It Up und ein vom Publikum mit getragenes Peace, Love And Understanding aus dem Anzug - und krönte damit einen gewaltigen Auftritt, der wohl nur in einem anderen, passenderen Austragungsort noch besser gewesen wäre. (DER STANDARD, Printausgabe, 05.07.2005)

Von Karl Fluch
  • Wüste Boogie-Stomper und tief empfundener Blue-Eyed-Soul: Elvis Costello begeisterte bei seinem Auftritt in der dafür wenig bis gar nicht geeigneten Wiener Oper.
    foto: standard/christian fischer

    Wüste Boogie-Stomper und tief empfundener Blue-Eyed-Soul: Elvis Costello begeisterte bei seinem Auftritt in der dafür wenig bis gar nicht geeigneten Wiener Oper.

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