Olympische Revanche

4. Juli 2005, 18:23
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Ob Paris den Zuschlag für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2012 erhält, entscheiden nicht nur sportliche oder organisatorische Kriterien - Von Stefan Brändle

Ob Paris am Mittwoch den Zuschlag für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2012 erhält, entscheiden nicht nur sportliche oder organisatorische Kriterien. Die hohe Kunst der IOC-Diplomatie mit ihren Politinteressen, Absprachen und Scheinallianzen ist ebenso wichtig. Der französische Präsident Jacques Chirac reist ebenfalls nach Singapur, nachdem der britische Premier Tony Blair seine Präsenz angekündigt hat. Wenige Tage nach dem erbitterten Streit um die EU-Finanzen treffen die beiden Spitzenpolitiker in einem neuen, ebenso hart umkämpften Gebiet aufeinander.

In Frankreich sieht man diesem Duell mit gemischten Gefühlen entgegen. Nicht erst seit der Volksabstimmung in Frankreich über die EU-Verfassung klebt an Chirac die Etikette des Verlierers und alternden Politikers, der die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat. Viele befürchten, dass sich Chirac gegenüber den subtilen Machtspielen des IOC wie ein Elefant im Porzellanladen aufführen könnte. Außerdem verkörpert der frühere Pariser Bürgermeister Chirac eine eher unrühmliche Zeit, aus der in der französischen Hauptstadt noch mehrere Korruptionsaffären anhängig sind. Eine davon betrifft den Chirac-Freund Guy Drut, den früheren Olympiasieger über 110 Meter Hürden, der Frankreich heute im IOC vertritt. Wegen einer Gerichtsklage verzichtet er auf die Reise nach Singapur, um den Gegenspielern keine Angriffsfläche zu bieten.

Chiracs Berater verteidigen die Singapur-Reise des Staatschefs damit, er verfüge seit dem Irakkrieg über eine internationale Aura und wolle nicht durch Abwesenheit glänzen, wenn Blair für die Kandidatur Londons Druck mache. Klar ist nur eines: Chirac würde von einem Sieg der Pariser Kandidatur mehr profitieren, als er den französischen Olympiaplänen nützt. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.7.2005)

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