Im Treibsand

4. Juli 2005, 18:11
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Amerikas Armeechefs versuchen mit bemerkenswerter Beharrlichkeit an den Schönrednern der US-Regierung vorbei eine Botschaft anzubringen - Von Markus Bernath

Amerikas Armeechefs versuchen in diesen Tagen mit bemerkenswerter Beharrlichkeit an den Schönrednern der US-Regierung vorbei eine Botschaft anzubringen: dass der "Aufstand" im Irak nichts an seiner Intensität verloren habe; dass die 139.000 US-Soldaten im Land auf absehbare Zeit auch nicht mit einem Abflauen der Anschläge rechnen können. John Abizaid, der Kommandeur für den Nahen und Mittleren Osten, und der US-Befehlshaber im Irak, George Casey, haben es vermieden zu erwähnen, dass die USA noch weiter im Osten in einem zweiten, derzeit ebenso aussichtslosen Krieg stecken.

Innerhalb einer Woche haben die US-Truppen in Afghanistan ihren schwersten Verlust seit dem Sturz der Taliban Ende 2003 erlitten. Eine Eliteeinheit ging im Nordosten des Landes verloren, eine Hubschrauberbesatzung, die ihr zu Hilfe kommen wollte, wurde abgeschossen. Die Zahl der Amerikaner, die seit dem Beginn der neuen Offensive der Taliban und Al-Kaida- Kämpfer im März umkamen, stieg damit auf mindestens 45. Seither sollen 500 Aufständische getötet worden sein, 55 Soldaten der afghanischen Regierungsarmee ließen ihr Leben bei gemeinsamen Operationen mit den USA. 17 Dorfbewohner schließlich sollen allein bei einem Bombardement gestorben sein, das die US-Armee bei der Suche nach der vermissten Eliteeinheit veranstaltete. Nicht anders als im Irak sind die USA - mit weit weniger Truppen - auch in Afghanistan in einem Treibsand versackt.

Elf Wochen vor den Parlamentswahlen in Afghanistan ist dies eine bedrohliche Tatsache. Ein halbwegs demokratischer Urnengang wird den kämpfenden Teil der Taliban nicht wirklich beeindrucken. Eine von Kabul gesteuerte Wahl, zusammen mit einer schlampig organisierten Entwaffnung der Milizen im Land, bei der kein Geld für eine wirtschaftliche Starthilfe ins Zivilleben bleibt, wird ihnen dagegen neuen Zulauf bescheren.

(DER STANDARD, Printausgabe, 5.7.2005)

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