Aus drei mach eins

11. Juli 2005, 11:30
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"Triple Play" nennt man das Zusammenwachsen von Telefonie, Breitband-Internet und TV. Die Voraussetzungen sind gegeben, jetzt müssen die Datenautobahnen bespielt werden. Dabei kommen einander Anbieter ins Gehege - und niemand weiß so genau, was die Kunden eigentlich wollen

Drei Begriffe dominieren das Informationszeitalter: Das heißeste Thema war lange Zeit Access. Es ging um den bequemer Zugang ins World Wide Web, um Zugriff auf Daten zu Hause, im Büro sowie unterwegs und schnellen Download. Parallel dazu war Mobilität das zweite wichtige Schlagwort. Telefonieren war dabei nur die treibende Kraft, heute sind Handys bereits Terminals für den Zugang in die multimedialen Weiten des WWW. Der dritte und jüngste Schlüsselbegriff ist Unterhaltung, konkret also Fernsehen, Video und Spiele, die es in größtmöglicher Vielfalt jederzeit und überall geben sollte.

Die gute Nachricht: An Access, Mobilität und Unterhaltung wurde gearbeitet. Heute gibt es unterschiedliche Netzwerke mit dem Potenzial zum "Triple Play". Was damit gemeint ist? Die Kombina- tion von Breitband-Internet, Telefonie und TV aus der Hand eines einzigen Anbieters. Einstweilen spürt man davon recht wenig, die meisten bezahlen Breitband, TV und Handy noch separat. Theoretisch müsste das gar nicht sein. Mit einem Breitbandzugang via Kabel oder ADSL kann man via Voice-over-IP (Wissen) rund um den Globus telefonieren, kann Musik und Video auf den PC holen und mit W-LAN drahtlose Netzwerke installieren.

Handy als Fernseher

Auf der anderen Seite versprechen die Mobilfunker einen ähnlichen Rundumschlag, das Handy soll schon bald zum Fernseher für unterwegs avancieren. Wenn also Frans de Bruïne, Direktor des Programms Technologien für die Informationsgesellschaft der Europäischen Kommission, am Telekom Tag 2005 der Industriellenvereinigung und des Forschungszentrums Telekommunikation (ftw.) davon sprach, dass "Telekom-und Medienunternehmen mittlerweile auf demselben Markt spielen", hatte er die langfristigen Ziele vor Augen. Auch in Österreich wird intensiv über diesen Paradigmenwechsel nachgedacht: "Mobilfunk, Festnetz und Internet waren bisher getrennte Töpfe, die durchlässig geworden sind", sagt Georg Serentschy, Geschäftsführer der österreichischen Regulierungsbehörde RTR, und betont die Notwendigkeit, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Aktuell haben die Netzbetreiber die Vision des "Triple Play" eher im Hinterkopf. Brennend sind andere Probleme. Weil in der Realität die Datenautobahnen noch relativ leer sind, weiß heute niemand genau, welche Programme auf Breitband eines Tages der große Erfolg sein werden. "Telekommunikation ist nicht nur eine Frage der technischen Machbarkeit, sondern vor allem eine Frage des User-Nutzens", meint Peter Reichl vom Forschungszentrum Telekommunikation (ftw.).

User-Verhalten, Kundennutzen und die Akzeptanz neuer Technologien sind jene Themen, mit denen sich die Forschung in Österreich derzeit intensiv auseinander setzt. Zwei konkrete Beispiele: Die Mobilkom hat in Zusammenarbeit mit dem ftw. und dem Institut für Hochfrequenz-technik der TU Wien gerade erforscht, welche Auswirkung das Versenden von komprimierten Videofiles auf die Handys verschiedener Hersteller haben wird; diese Simulation liefert die Grundlagen für den weiteren Ausbau des UMTS-Netzes, dabei geht es darum, bestmögliche Qualität für den Kunden zu sichern. Am Grazer Forschungsinstitut Evolaris wieder wurde soeben im Auftrag der RTR untersucht, mit welchen Problemen User von Digital Video Broadcasting mittels terrestrischer Übertragung (Wissen) konfrontiert sein werden. Die zentralen Fragestellungen sind bodenständig: Wo ist zu Hause der Breitbandanschluss? Wie kann er ins Wohnzimmer geleitet werden? Muss dabei gestemmt werden? Und wie wird über die Fernbedienung Software am Fernseher installiert? "Entwickler müssen sich heute mit praktischen Problemen auseinander setzen, die Benutzbarkeit neuer Technologien steckt noch in den Kinderschuhen", so Evolaris-Vorstand Otto Petrovic.

Der Wiener Kabelnetzbetreiber UPC Telekabel ist einer der wenigen Anbieter, die in den letzten Jahren auch praktische Kundenerfahrung gesammelt haben. UPC-Chef Thomas Hintze weiß, dass sich auch das Verhalten seiner Kunden angesichts des UPC-Triple-Play-Angebots kontinuierlich verändert. Mehr Internet bedeutet, weniger und anders fernsehen, und wer gratis telefonieren kann, surft eines Tages vielleicht auch weniger im Internet. In- sofern ist das flotte Dreier-Konzept auch ein Thema für den ORF, der noch nicht daran denkt, seinen Content anderen Netzbetreibern zur Verfügung zu stellen. "Auf der Ebene der Lizenzrechte gibt es derzeit kein Zusammenwachsen. Technische Innovationen müssen von der Masse erst akzeptiert werden", glaubt ORF-Operationsleiter Karl Pachner. Das alte Gesetz, wonach es Usern gleichgültig ist, auf welcher technologischer Basis Internet, Telefonie und Fernsehen geliefert werden, ist ungebrochen. Hauptsache, es funktioniert. Die User-Toleranz, was Fehler betrifft, ist gering, "Triple Play" als Forschungsgegenstand komplexer als je zuvor. (Karin Pollack/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 7. 2005)

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