Interface im digitalen Dorf

11. Juli 2005, 11:30
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Die Einwohner einer oberösterreichischen Gemeinde profilieren sich als Media-Produzenten

Technische Machbarkeit und praktischer Nutzen müssen sich nicht zwingend ergänzen. Aus diesem Grund gibt es in der Entwicklung jeder neuen Technologie einen entscheidenden Knackpunkt: den Feldversuch in der Praxis, der zu einem relativ späten Zeitpunkt entscheidet, inwiefern Innovationspotenzial durch handfeste Anwendungen auch tatsächlich ausgeschöpft wird. Mit anderen Worten: Es geht um Massentauglichkeit und Akzeptanz, die beiden entscheidenden Erfolgsfaktoren jeder neuen Technologieentwicklung.

Telekom Austria hat in den vergangenen fünf Jahren 780 Millionen Euro in den Ausbau ihres ADSL-Breitbandnetzes investiert, vergangene Woche ging die 1000. Verbindungsstelle ans Netz. "Die Infrastruktur steht, jetzt wollen wir herausfinden, was die Menschen in unserem Netz Neues machen können und wie das funktioniert", erklärt Helmut Leopold, Leiter des Plattform-und Technologiemanagements bei Telekom Austria (TA). In der 8000-Seelen- Gemeinde Engerwitzdorf hat man den Prototyp eines lokalen Gemeindefernsehens unter dem Titel Buntes Fernsehen installiert. Von der TA kamen Infrastruktur und Basis-Know-how, dann waren die Bürger an der Reihe.

Mit ihren Videokameras zogen sie los, filmten Geburtstagsfeste und Feuerwehrübungen, dokumentierten Kindergartenprojekte und Wirbelsäulengymnastikstunden, einer der Lokalredakteure lieferte Liveberichte vom Ausbau der nahen A7. Die Beiträge werden von der Gemeindesekretärin, die sich mittlerweile als Cutterin etabliert hat, geschnitten und sind dann über einen zentralen Server auf mit Settop-Boxen ausgestatteten Fernsehern abrufbar.

Dass Content-Produktion in Eigenregie überhaupt funktioniert und die Engerwitzdorfer großen Enthusiasmus dabei zeigten, ist für Leopold die erste erfreuliche Erkenntnis des Pilotprojektes. In einem zweiten Schritt soll nun ermittelt werden, nach welchen Mustern die Bürger der digitalen Gemeinde Beiträge abrufen. "Wir wissen wenig über das Konsumverhalten", sagt Leopold. Dementsprechend werden in Engerwitzdorf nun vermehrt Haushalte mit Settop-Boxen ausgestattet. Das Benutzer-Interface am Fernsehbildschirm steht: neben dem Regionalprogramm soll es auch eine Videothek und einen Internetzugang am Fernseher geben.

Engerwitzdorf wird auch international zum Rolemodel, unlängst filmte sogar die BBC das digitale Treiben im Dorf. (pok/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 7. 2005)

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