Die Probleme einmal schnell wegsingen

3. Juli 2005, 20:40
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Mit dem globalen Konzertereignis "Live 8" wollten Künstler um Bob Geldof die Dritte Welt unterstützen und Druck ausüben

Mit dem globalen Konzertereignis "Live 8" wollten Künstler um Bob Geldof die Dritte Welt unterstützen und Druck auf jene Staatsmänner ausüben, die sich nächste Woche beim G-8-Gipfel in Schottland treffen. Die Besucherzahl wurde auf zwei Millionen geschätzt.

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Paul McCartney kommt im Londoner Hyde Park ohne Sgt. Pepper-Kostüm und fast ohne Stimme auf die Bühne. Es tangiert nicht. Erstens stehen die vier Herren mit den Tubas als kostümierte Erinnerung an die 60er-Beatles-Jahre da. Und Stimmen gibt es an diesem Tag genug. Stimmen und Sprüche. "Die größte Rockshow aller Zeiten!" - "Beendet die Armut - jetzt!" oder Sting: "Zeigen wir, dass wir ein Planet sind!"

Während der Ex-Beatle nach Tönen ringt, ist ein Mann im Chor recht zurückhaltend. Bono Vox. Er hat Freund Bob Geldof überredet, "Live 8" zu initiieren, damit auf die sich nächste Woche im schottischen Edinburgh treffenden Weltenlenker Druck ausgeübt wird, einen Schuldenerlass für die armen Länder zu beschließen. Später wechselt Bono vom Chor an die U-2-Rampe. Und bevor es im Privatflieger nach Wien geht, zeigt er sich in Form.

Während der Musik steigen weiße Tauben von der Bühne auf, danach wird appelliert: "Afrika, wir kommen nach Hause!" - Es ist unsere Zeit und unsere Chance!" - "Wir wollen Gerechtigkeit, keine Spenden" - "Macht Geschichte" - "3000 Afrikaner, die meisten davon Kinder, sterben jeden Tag an einem Mückenstich. Wir können das ändern!" Ab nach Wien.

Elton John dankt dann Bob Geldof für die Mühe, fordert auf, im Internet eine Petition zu unterstützen. Derweil macht Will Smith in Philadelphia Stimmung und inszeniert einen kollektiven Gruß an die Welt, denn: "Alles hängt zusammen, alle drei Sekunden stirbt ein Kind. Tut was, damit die Acht es verstehen. Acht Männer haben die Macht, alles zu verändern." Dann wird mit den Fingern geschnippt. Alle drei Sekunden.

Smith ist nicht der einzige Schauspieler, der mitmacht. Tim Robbins sieht bei dieser Veranstaltung "das Gesicht der Veränderung", für Brad Pitt ist es wohl noch im Entstehen: "Wenn dieses Konzert endet, werden 30.000 Afrikaner an extremer Armut gestorben sein. Morgen Abend wieder 30.000. Das kann nicht so weitergehen."

"Größte Party"

In Deutschland geht derweil Xavier Naidoo Richtung Bühne. Noch ein kleines Interview: Warum machst du mit, Xavier? "Nun, das ist die größte Party Deutschlands." Außerdem: Man sei solidarisch mit den Hungernden. Menschen verhungern, da müsse man doch was tun. Zeigen, dass man sich kümmert. Ein Zeichen setzen.

Zwischendurch wird ein Nelson-Mandela-Spot gezeigt: "Sie haben die historische Gelegenheit, das Tor zur Hoffnung aufzustoßen. Lasst uns daran arbeiten, dass wir die Armut zur Vergangenheit machen. Armut ist nicht naturgegeben." Dann plädiert er für fairen Handel, qualitätsvolle Entwicklungshilfe für arme Länder und den Schuldenerlass. Eine Laufschrift informiert: "Für jeden Euro Entwicklungshilfe muss Afrika sieben Euro zurückzahlen."

Klar, dass auch Stevie Wonder in Philadelphia auffordert: "Verändert die Welt!" Dann widmet er einen Song Kollegen Luther Vandross, dessen Todesmeldung in "Live 8" hineinplatzt. London? Da lässt sich Geldof einen Verweis auf die "Live-Aid"-Veranstaltung von vor 20 Jahren nicht nehmen. Er zeigte das Bild eines hungernden äthiopischen Mädchens. Dieses hätte nur noch kurze Zeit zu leben gehabt, wenn man es damals nicht durch Spenden gerettet hätte. Momentan mache sie ihren Uni-Abschluss. Dann holte Geldof die Frau auf die Bühne. Sie bleibt dort auch, während Madonna Like A Prayer singt.

Langsam geht es Richtung Finale. The Who. Dann die wiedervereinten Pink Floyd. Bassist Roger Waters hielt sich in sicherem Abstand zu Gitarrist und Sänger David Gilmore, blickte aber doch mitunter kommunikativ rüber zu jenem Mann, dem er über zwei Jahrzehnte lang die Bühnenpartnerschaft verwehrt hatte. Man sang auch Money. Und es klang denn auch nicht nach kaltem Frieden.

Gegen Mitternacht kam Paul McCartney - der zusammen mit Überraschungsgast George Michael seine anfangs etwas vermisste Stimme halbwegs wiedergefunden hatte - mit Hey Jude zurück. Großer Andrang auf der Bühne, großer Chor, Geldof rief: "Das war ein herrlicher, ein wunderbarer Tag!"

Er wird demnächst in die schottische Hauptstadt Edinburgh reisen, wo sich rund 200.000 Demonstranten den Forderungen der "Live 8"-Organisatoren nach mehr Hilfe für Afrika angeschlossen hatten, um eine Delegation anzuführen. Vielleicht hat er da einen neuen Anzug an: Jeder Teilnehmer des Events bekam als Dank eine Designertasche mit Modeartikeln (Wert 250 Euro); zusätzlich kann er sich Anzüge und Uhren aussuchen. In Johannesburg kamen zum "Live 8" in letzter Sekunde angehängten Konzert übrigens ganze 8000 Besucher. (DER STANDARD, Printausgabe vom 4.7.2005)

Von
Ljubisa Tosic
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    Die musikhistorische Wiedervereinigung für den guten Zweck: David Gilmore (li.) und Roger Waters waren nach sehr vielen Jahren wieder "Pink Floyd".

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    Auch Madonna war in London dabei, um für die gute Sache zu singen. Es gab alte und neuere Stücke und eine Vokalistin, deren Form etwas zu wünschen übrig ließ.

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    Das ungeplante Treffen: George Michael (der Überraschungsgast, li.) und Paul McCartney sangen noch zum Abschluss des Konzertes im Hyde Park.

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