"One World" zwar - aber ohne politischen Kontext

3. Juli 2005, 20:15
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Die Macher von "Live 8" ersetzen Politik durch Geberfreuden

London - Man konnte der jungen Äthiopierin Birhan Woldu die Verlegenheit von den Augen ablesen, als sie von "Live-8"-Initiator Bob Geldof wie das Faustpfand des politischen Machbarkeitsgedankens einer jubelnden Menge im Londoner Hyde Park vorgeführt wurde. Sie wäre durch den "Live-Aid"-Interventionismus anno '85 vor dem drohenden Hungertod gerettet worden. Damals ging das Bild ihres Schwellbauchs bekanntlich um die ganze, popkulturell vernetzte Welt.

Es sei also doch nicht alles "sinnlos" gewesen, sprach sich Geldof nachträglich Mut zu. Immer schon hat der Verweis auf den konkreten Einzelfall die Perspektivlosigkeit der politischen Praxis dahinter verschleiern helfen müssen. Auch die Macher von "Live 8" müssen sich absehbar mit der Frage herumschlagen, ob die Spendenrhetorik gegen "die da oben", signifiziert im Plutokratenbild der acht stoppelbärtigen Industrienationalbosse, nicht an den Ursachen von Massenelend und Unterentwicklung vorbeizielt.

Es waren vor gut 40 Jahren Intellektuelle wie der heutigentags notorisch belächelte Jean-Paul Sartre, die ihren Protest weniger an die Adressen der desinteressierten Staatskanzleien richteten, sondern im Gegenteil die Kräfte der Subversion vor Ort unterstützten.

Sartre, über dessen "Engagement" man sich heute bequem mokieren kann, schrieb zum Beispiel das Vorwort für einen fast vergessenen Klassiker der kulturell-ökonomischen Selbstermächtigung, für Frantz Fanons Kampfschrift Die Verdammten dieser Erde. Mit einem Schlag war die Sache des Algerienkriegs in das Blickfeld der europäischen Öffentlichkeit gerückt. Die Militanz von Fanons Thesen, die eine Umformung des kolonisierten Menschen durch die revolutionäre Praxis predigten, muss heute unweigerlich befremden. Aber zur Mobilisierung idealistischer Energien gehörte eben einmal auch die Eröffnung von Perspektiven.

Mochte sich die industrialisierte Welt im Maghreb ihre Freiheitsträume erfüllen: Ihre Denker wären nicht so ohne weiteres auf die Idee gekommen, dass eine Schuldenerlasspolitik von zweifelhafter Effizienz vom Los des Politik-Machens dispensiert. (DER STANDARD, Printausgabe vom 4.7.2005)

Von
Ronald Pohl
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    Bob Geldof als augenblickstrunkener Performer im "Dritte Welt"-Kontext auf der Hyde-Park-Bühne in London: Wer stellt hier die Forderungen - und wer erfüllt sie?

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