Die Zeittouristen aus der Zukunft: Die Rolle der Sciencefiction

11. Juli 2005, 10:49
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Stichwortgeber für die Wissenschaft, Materiallieferant für Hollywood und Köder für den Unterricht

Sciencefiction hat viel mit der Gegenwart zu tun, wie das Beispiel H. G. Wells zeigt.

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Sciencefiction-Romane sind bekanntlich immer auch ein Parabel auf die eigene Zeit. In H. G. Wells' Krieg der Welten von 1898 verwüsten die einfallenden Marsianer große Teile Englands, was sich als Kritik des britischen Kolonialismus lesen lässt. Technologische Überlegenheit darf demnach keine Rechtfertigung für Eroberungsfeldzüge sein, Macht schafft kein Recht. In der Verfilmung von 1953 standen die Außerirdischen, die sich auf Los Angeles stürzten, dann für die bösen Kommunisten. In der gerade angelaufenen Neuverfilmung von Krieg der Welten wird New York attackiert, später rast ein Flugzeug in ein Wohnhaus - Steven Spielberg verarbeitet die Ereignisse von 9/11.

Herbert George Wells (1866-1946) war aber weniger ein menschenfreundlicher Kolonialismuskritiker als ein technologiegläubiger Weltverbesserer. Der "Imperialist der Vernunft" kannte nur den Vorwärtsgang: "Es gibt nur zwei Möglichkeiten - entweder erobert der Mensch das Universum oder er verschwindet." In Die Zeitmaschine, geschrieben 1895, kommt es erstmals in der Literatur zu einer geplanten Zeitreise. Wells' Protagonist jettete in der vierten Dimension ins Jahr 802.701. In den Jahren 1913/14 hat Albert Einstein erstmals über die Möglichkeit von Zeitschleifen nachgedacht. Allerdings nicht weil er Wells las, sondern vielmehr erste Geburtswehen seiner Allgemeinen Relativitätstheorie verspürte. Seither hat das Faszinosum Zeitreise die Physik nicht mehr losgelassen - und zu geistreichen Einwänden animiert: Warum werden wir nicht von Zeittouristen aus der Zukunft überschwemmt, fragte der Starphysiker Stephen Hawking. Prosaischer ist das Granny-Paradox: Was passiert, wenn ich in der Zeit zurückreise und meine Großmutter ermorde? Wie kann ich dann je geboren werden? Auch auf diese Einwände gibt es spekulative Entgegnungen, etwa die Viel-Welten-Theorie, die unter Berufung auf die Quantenmechanik eine Aufspaltung unserer Wirklichkeit behauptet. Die Zeittouristen und die frühzeitig verstorbene Oma leben in Paralleluniversen.

Auch Peter Christian Aichelburg, theoretischer Physiker an der Uni Wien, hat sich in Gedankenexperimenten mit der Möglichkeit von Zeitreisen befasst. Eine Spielerei? Nein, sagt Aichelburg. Es sei sehr wichtig, die Konsequenzen einer Theorie voll auszuschöpfen. Das "Ausquetschen" der Relativitätstheorie habe ja nicht zuletzt auf den Urknall und schwarze Löcher verwiesen und zu einem funktionierenden GPS-System geführt. Bevor jedoch die praktischen Probleme von Zeitreisen angegangen werden können, müssen zunächst die theoretischen gelöst werden.

Als Zeitschienen gelten die so genannten Wurmlöcher. Nur bieten diese dem Zeitreisenden keine durchgehenden Bahnen, so Aichelburg. Um den Schlund des Wurmlochs offen zu halten, bedürfte es einer exotischen Materie. Womit wir wieder bei der Sciencefiction angelangt wären.

Ideeninput

Wie bedeutend Mr. Spock und Perry Rhodan für die Wissenschaft waren, ist schwer zu sagen. Was den Ideeninput angeht, hat die Sciencefiction-Literatur wohl deutlich stärker von der Wissenschaft profitiert als umgekehrt. Rückwirkungen vom Fiktiven ins Reale sieht Heinz Oberhummer aber im Bildungssektor. Und die will sich der Physiker von der TU Wien im Rahmen eines EU-Projektes, bei dem er von der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG), Bereich "Europäischen und Internationalen Programme" unterstützt wird, zunutze machen. Mit Filmclips aus Hollywood-Blockbustern will er Jugendliche für die Naturwissenschaften begeistern. Denn ob es Außerirdische gibt oder Zeitreisen und Beamen möglich sind, interessiere die Schüler entschieden mehr als die Hebelgesetze. (Oliver Hochadel/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 7. 2005)

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