Autechre: "Untilted"

    4. Oktober 2005, 12:37
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    Weder Abstraktion noch Hermetismus: Das englische Computermusik-Duo mit seinem achten Album

    Das Schreiben über Musik ist dahingehend eine missbräuchliche Angelegenheit, als dass Musik und Wörter zu zwei komplett verschiedenen Universen gehören. Und für manche Musik trifft dies sogar noch mehr zu. Es gibt Musik, die vom Allgemeinsinn noch nicht „verdaut“ wurde, auf die unsere Stereotypen und Reflexe noch nicht angedockt haben. Es gibt kurz gesagt Musik bei der es schwierig ist, mit einer Referenz aufzuwarten – und daher wird jene oft als "abstrakt" qualifiziert.

    Autechres Musik zählt zu diesen. Es zirkulieren schon einige Wörter, die sie beschreiben, doch generell klingen sie hohl. Eine Plattenrezension über sie zu schreiben heißt auch zu erfahren, dass eine Rezension nicht mehr als etwas Subjektives ist. Auch ist sie begrenzt, da Subjektivität zu einer Barriere dafür wird, worüber eigentlich informieren werden sollte. All die Referenzen, die für Kommunikation, Vergleich und Evaluierung verwendet werden (und dem Diskurs eine "objektive" Dimension oder zumindest eine Basis für Austausch verleihen) sind hier nicht vorhanden.

    Natürlich kann man in der Fortentwicklung ihrer musikalischen Suche den Einfluss von "Dance Music" in ihren frühen Arbeiten erwähnen, oder auch den deutlichen Orientierungswechsel mit Chiastic slide (1997), die sogar durch einige Akzente an "Musique Concrète" erinnern. Aber kaum ist dies gesagt, so sagt man nichts über Sean Booths & Rob Browns Musik.

    Klangvolle Ökosysteme

    Ein wesentliches Merkmal der nun 14-jährigen Band ist die Produktion von Stücken, die in sich selbst geschlossen sind, – oft ist in diesem Zusammenhang auch fälschlicherweise die Rede von „Hermetismus“ – die ihre eigenen Regeln haben und autarken und klangvollen Ökosysteme ähneln. Wörter wie "abstrakt" oder "hermetisch" in Verbindung mit dem Qualifizieren von Musik implizieren generell, dass letztere eine Bedeutung oder bestimmte Eindrücke besitzt, im Unterschied zu der Musik, über die man spricht. Jene Adjektive werden in der Kunst üblicherweise den nicht-figurativen Arbeiten angeheftet, in der Musik finden sie meist für unmelodische Werke Verwendung.

    Dass Musik mit den Ohren anstatt mit dem Verstand gehört werden kann, ist unter anderem seit den Arbeiten von John Cage und Alvin Lucier klar geworden. So gesehen ist es auch ziemlich absurd, über eine hermetische Musik zu sprechen und es mutet auch fast schon paradox an, dass Autechres Musik oft als "Intelligent Techno" (wie vom Label Warp) bezeichnet wird. Doch sie ist gerade dann stark und singulär, wenn sie ohne Verstand zu Gemüte geführt wird. Hört man Autechre ohne vorgefertigte Gedanken, so lässt sich – hinsichtlich einer Abstraktion - auch schwer behaupten, es gebe keine Melodie. Eher sollte man von einem ungewöhnlichen Agglomerat von Melodien, oft als Rhythmus verwendet, sprechen, das sich immerfort ändert, verschwindet oder stottert und nicht als Erzählung behandelt wird.

    "Untilted"

    So gesehen hat sich in ihrem neuen Album Untilted (nicht "untitled") nichts verändert. Der rhythmische Ausbruch von irregulären Beats und Melodien untermalt nach wie vor auch hier die acht Stücke. Sucht man einen Vergleich mit anderen Werken von Autechre, so steht Untilted im Umfang der Sounds und der Schneisen (wie die in einem Wald) Lp5 (1998) oder Ep7 (1999) näher als Confield (2001) oder Draft7.30 (2003). Während letztere tiefe perkussive Rhythmen auf einem volltönenden Vordergrund anhäufen und mehr die Bauchgegend des Körpers erreichen, so ist Untilted weniger dicht und physisch aufreibend. Um zum X-ten Mal mit einem Vergleich zu sprechen, so ist Untilted einer „soundscape“ näher als Confield und Draft7.30, die sich mit nahen und lauten künstlichen Soundquellen aufdrängen und so das Klangfeld einschränken. (cra+)

    • "Untilted" ist im April 2005 bei Warp erschienen.
      foto: warp

      "Untilted" ist im April 2005 bei Warp erschienen.

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