Kampf den Wirtschaftsmythen

3. Juli 2005, 18:00
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Geht's wirklich allen gut, wenn es der Wirtschaft gut geht? Der neue BEIGEWUM-Reader bietet Sachdienliches für die "geistige Selbstverteidigung"

Bei Diskussionen über Wirtschaftsfragen kommen sie nicht selten, und wenn, dann werden sie mit besonderer Inbrunst vorgetragen: Sogenannte "Wirtschaftsmythen", wie es BEIGEWUM, der Beirat für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen, ausdrückt, dominieren seit geraumer Zeit die Auseinandersetzung über Wirtschaft, Wohlstand und Staatlichkeit in der Öffentlichkeit. Doch der KritikerIn von Stehsätzen wie "Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut!", "Das Budget hat kein Geschlecht!" oder "Löhne werden nach Leistung bezahlt!" usw. eilt nun ein Nachschlagwerk zu Hilfe, das unter dem Titel "Mythen der Ökonomie – Anleitung zur geisteigen Selbstverteidigung in Wirtschaftsfragen" von BEIGEWUM herausgegeben wurde.

Selbstverteidigung gegen wen?

Die Lage ist offenbar schon so ernst, dass "Selbstverteidigung" angebracht ist, erläutert das Kollektiv von Sozial- und Wirtschafts- wissenschafterInnen im Vorwort: "Gewisse wirtschaftliche Expertenansichten bleiben so lange unwidersprochen, bis sie den Charakter von Volksmythen annehmen. Sie werden zu unveränderbar scheinenden, naturhaften Wahrheiten, die außerhalb unseres Einflussbereiches liegen und die von kaum jemandem mehr hinterfragt werden". Demgegenüber will BEIGEWUM zeigen, dass Ökonomie auch in ihrer wissenschaftlichen Ausrichtung vielstimmig ist, und der jeweilige Standpunkt der ökonomischen Expertise zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen kann.

Wirtschaftswunder und Kindergeld

So räumt das Bändchen Seite um Seite mit den allseits internalisierten Dogmen auf, wonach Nulldefizit, Liberalisierung und Steuerentlastung vor allem für Unternehmen der einzige Weg für eine stabile Wirtschaftsentwicklung ist. Der Vorstellung vom selbstgeschaffenen Wirtschaftwunder in der Nachkriegszeit wird ebenso eine Abfuhr erteilt, wie dem Glauben, durch das Kindergeld die Geburtenrate erhöhen zu können. Und auch der unkritische Glaube an die Wissenschaft und deren SprecherInnen soll nachhaltig eingebremst werden: Statt fachchinesisch vermitteln die AutorInnen ein verständliches Bild von Wirtschaftsabläufen, das wiederum dazu motivieren soll, sich auch nicht als Individuum vom Kampfplatz der wirtschaftlichen Gestaltung verdrängen zu lassen.

Nebenbei passt die Aufbereitung des Buches zu unseren auf Effizienz gerichteten Ansprüchen: Die kurzen Kapitel stellen jeweils einen Mythos in kurzen Sätzen vor und antworten darauf bündig aber nie aufdringlich ideologisch. Vielmehr werden Standort-Sicherung, Wirtschaftswachstum und Aktienkurse hinsichtlich ihrer tatsächlichen volkswirtschaftlichen Bedeutung relativiert und den Bedürfnissen eines Wohlfahrtsstaates, der allen darin Wohnenden zukommen soll, untergeordnet. (freu)

Mythen der Ökonomie
Anleitung zur geisteigen Selbstverteidigung in Wirtschaftsfragen
herausgegeben von BEIGEWUM, Beirat für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen
ISBN: 3-89965-119-7
166 Seiten

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Beigewum

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    cover: beigewum
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