Geistesblitz: Volle Energie für Beschleunigung von Teilchen

2. Juli 2005, 18:30
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Physiker Christoph Schwanda pendelt im Weltjahr der Physik zwischen Wien und Tokio

Christoph Schwanda gehört zu jenen nicht gerade zahlreichen Zufriedenen, die immer schon wussten, was sie werden wollten. "Manche Leute suchen lange herum, aber ich fand es immer schon lustig zu beobachten, wie sich eine Kugel beim Herabfallen verhält." Also klar, er wird Physiker. Und das ist er mit vollem Ehrgeiz noch immer.

Noch als Schüler des Lycée in Wien hat er an der Physik-Olympiade teilgenommen, allerdings damals noch nicht mit der Energie, die er heute für seine Forschungsarbeit aufbringt. Bei der Jugendolympiade ist er über den Wiener Landeswettbewerb nicht hinausgekommen, jetzt führt ihn sein Engagement regelmäßig nach Japan. Genauer gesagt nach Tsukuba, mehr als eine Stunde außerhalb Tokios. Schwanda arbeitet am nationalen Forschungszentrum KEK. Das Akronym leitet sich vom japanischen Ausdruck für "High Energy Accelerator Research Organisation" ab. Das KEK ist jenes Forschungszentrum, in dem herausgefunden wurde, dass Neutrinos Masse haben - eine Entdeckung, die 2002 mit dem Nobelpreis für Physik gewürdigt wurde.

Schwanda, der 1991 seine Doktorwürde mit einer experimentellen Arbeit über das Delphi-Experiment am Genfer Forschungszentrum Cern erlangt hat, arbeitet als einer der Vertreter des Instituts für Hochenergiephysik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften am Projekt Belle in Tsukuba. Belle ist jenes Beschleuniger-Experiment, an dem ein paar Hundert Wissenschafter aus 13 Ländern beteiligt sind. Das Ziel von Belle ist die Überprüfung des so genannten Cabibbo-Kobayashi-Maskawa-Mechanismus, der einen wesentlichen Bestandteil des Standardmodells, der Summe unseres heutigen Wissens über die Welt des Allerkleinsten, darstellt. Eine Konsequenz dieses Mechanismus ist die Vorhersage von CP-Verletzung, also einer Asymmetrie zwischen Materie und Antimaterie, die kosmologisch von großer Wichtigkeit ist. Schwanda ist dabei mit Kollegen aus Australien für die Datenauswertung zuständig. In diesem Juli, und damit auch im heurigen Weltjahr der Physik, wird er bei einer Konferenz in Lissabon Ergebnisse präsentieren.

Seit Oktober 2003 ist der 1973 in Wien geborene Schwanda Mitarbeiter am Institut für Hochenergiephysik. Zuvor hatte er zwei Jahre als Postdoc-Wissenschafter in Japan verbracht. Er fliegt mehrmals im Jahr für ein paar Wochen nach Japan, um in Tsukuba Schichten beim Belle-Detektor zu schieben, das heißt, die Datengewinnung zu überwachen. "Ich komme oft mit der japanischen Art besser zurecht als mit der österreichischen", resümiert Schwanda. "Wenn man in Österreich nicht laut schreit, bekommt man nichts. In Japan muss man Dinge oft nicht aussprechen, und man bekommt sie trotzdem."

Es gefällt ihm auch, dass man in Japan eher beeindruckt, wenn man bei Meetings wenig oder nichts sagt. Ob er in Österreich bleibt oder eines Tages zu jenen Wissenschaftern gehören wird, die den Braindrain vorantreiben, weiß er momentan nicht. Nicht nur, dass es davon abhängt, wohin ihn seine akademische Karriere und die erhoffte Professur führen mögen. Es hängt auch von seiner Frau ab, und die ist eine international erfahrene Japanerin. (Andrea Waldbrunner, DER STANDARD, Print, 2./3.7.2005)

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