Hauptrolle: Der See

8. Juli 2005, 12:19
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Hans Kupelwiesers Seebühne in Lunz begründet die neue Gattung der allwettertauglichen Robust-Hybrid-Maschine

Nein, Lunz am See in Niederösterreich ist nicht, wie allerorten gelästert wird, Österreichs Kälteloch Nummer eins. Das befindet sich deutlich ein paar Kilometer außerhalb des schönen Örtchens, behauptet jedenfalls Lunzens Bürgermeister Martin Ploderer, der das sehr genau nimmt, weil er erstens viele Gäste in seinem Ort willkommen heißt und weil er zweitens Lehrer ist.

Da man sich allerdings von Witterungen aller Art in Lunz sowieso nie beeindrucken ließ, finden hier sommers seit acht Jahren die "Wellenklänge" statt - ein kleines, stets fein besetztes Kulturfestival am Rande des dopplerglasfarbenen, kühlen Sees. Der ist einer der Hauptakteure. Ein See, wie er im Bilderbuch steht. Kleine Fischlein drehen Spiralkreise über Glitzersand. In den Pioniertagen der Wellenklänge saßen die Zuschauer noch an seinem Rand im Gras. Auf Schiffen und Flößen glitten die Musiker und Akteure durch die Fluten. Die Stimmung war schon damals gut, doch die Zeiten der klammen Hintern sind mithin vorbei.

Wenn Freitag kommender Woche (8. Juli) die diesjährigen Lunzer Sommerspiele eröffnen, werden die Besucher ohne Pölsterchen und Decken im Strandbad - dem traditionellen Austragungsort - erscheinen, weil sie nun in einem ganz außergewöhnlichen Konstrukt am Wellenrand Platz nehmen können. Luxuriös, sozusagen. Viele von ihnen werden sich außerdem schon eine Weile vor Programmbeginn einfinden, um keinesfalls ein kleines Vorspektakel zu versäumen, das nicht selten vom Bürgermeister höchstelbst eingeleitet wird: Herr Ploderer versenkt mit geübtem Griff eine handelsübliche Wasserpumpe im See, wirft sie an, und nach etwa einer Viertelstunde beginnt sich die neue Seebühne Lunz langsam aufzufalten wie das Dach eines Cabriolets.

Was vorher eine abgetreppte, zum Sonnenbaden bestens geeignete Randbefestigung zum Wasser war, entwickelt sich geräuschlos zum kleinen, überdachten Theater. Der See spielt auch in diesen Momenten die Hauptrolle: Seine Wasser befüllen einen geräumigen Tank, das Gewicht von rund 15 Kubikmetern Seenass hebt das vorher völlig unscheinbare Tribünendach in die Höh und gibt die darunter gelegenen, geschützten Sitzplätze frei.

Der Konstrukteur dieser einfachen, aber sehr raffiniert gemachten Maschinerie ist der in Lunz beheimatete Künstler Hans Kupelwieser. Doch Väter und Mütter hat das außergewöhnliche Projekt gleich mehrere. Da wäre etwa Suzie Heger zu nennen, die Kuratorin der Wellenklänge. Oder Katharina Blaas, die Leiterin der Abteilung Kunst im öffentlichen Raum der niederösterreichischen Landesregierung. Nicht zu vergessen der Bürgermeister Martin Ploderer und so manch anderes Gemeindemitglied, und auch Kupelwiesers Mitarbeiter Günther Dreger sowie die Rechenmeister vom Werkraum, die viele Stunden mit der Optimierung der Dachkonstruktion verbrachten: Gemeinsam hat man diesen Kraftakt gestemmt, als klar wurde, dass die Wellenklänge ein Erfolg sind, Lunz klimatisch aber nicht Palermo ist und eine Art Wetterschutz vonnöten sei.

Um zu einer guten, dem Festivalcharakter entsprechenden Lösung zu kommen, organisierte die Kulturabteilung der Landesregierung nach den vom Verein Wellenklänge wohl durchdachten Angaben einen geladenen Kunstwettbewerb, den Hans Kupelwieser gewann. Heger: "Wir hätten am liebsten gleich alle Entwürfe gehabt, aber die Entscheidung fiel für Kupelwieser, weil die Skulptur, die er entworfen hat, so schön war."

Kupelwieser wandte gleich mehrere Kunstgriffe bei dem Projekt an. Zum einen erweiterte er - für Lunzer und Sommerfrischler gleichermaßen erfreulich - das Strandbad, indem er einen steilen, gebüschbewachsenen Hang am Ende des Areals zum Bauplatz erklärte. Er nutzte die Hangneigung optimal aus und platzierte dort eine geräumige Betontreppe. Ist das Seebühnendach geschlossen, ergibt das besagte Sonnendeck-Situation.

Denn die Dachkonstruktion liegt schützend über den Sitzstufen, von der Stahlträgerkonstruktion ist nichts zu sehen, die Kunststoffoberfläche ist leicht gesandet, auf dass keiner ausrutscht. Der Tank, der das Konstrukt hebt, liegt am oberen Dachende, Hydraulikstempel puffern die Kräfte, damit das Heben und Senken sachte vonstatten geht. Von dort oben führt ein lackierter Stahlsteg bis über die Seeoberfläche, wenn das Wasser wieder abgelassen, das Dach gesenkt wird, gibt es einen feschen Wasserfall.

Die Seebühne Lunz ist ein klassischer Hybrid, und zwar in wettertauglich robuster Ausführung: Sie ist mehrfach nutzbar in allen Teilen. Das Sonnendeck ist gleichzeitig Dach, der Wasserfallsteg ist auch Sprungturm für Kinder und jugendliche Gemüter, er kann zugleich Bühne für Aufführungen aller Art werden, und die Summe aller Teile ergibt eine Skulptur, die den Ort zeitgenössisch markiert, sowie eine äußerst wartungsarme Maschinerie.

Apropos Aufführungen: Wo liegt eigentlich das Zentrum der Angelegenheit, die Bühne selbst? Sie schwimmt auf vier luftgefüllten Aluminiumkammern direkt auf dem See und ist über zwei Stege erreichbar. Was, wenn es doch einmal regnen sollte, was selbst in Lunz gelegentlich doch vorkommen soll? Dann fährt ein zusätzliches Flugdach aus, und zumindest die Vorbühne kann weiter trocken bespielt werden.

Suzie Heger: "Diese schwimmende Bühne ist für Theaterleute das allergrößte Fressen. Es ist lustig, Auf- und Abgänge per Boot zu machen, die Musiker nähern sich einzeln auf Schiffen, und der See trägt dabei jeden Ton. Die Seebühne hat eine herrliche Akustik, wir spielen unverstärkt, man hört die feinsten Klänge, weil in diesen Trichter der Tribüne hineingespielt wird." Großstädtische Kunst auf das Land zu transportieren, sagt Heger, hätte sie gereizt, als sie damals nach Lunz kam, und die konzentrierte Stimmung hier am See bekomme durch die Stille und das Wasser tatsächlich eine zusätzliche Dimension.

Das Projekt hat laut Kupelwieser 270.000 Euro gekostet, die großteils vom Land, aber auch von der Gemeinde und privaten Sponsoren aufgebracht wurden. Kupelwieser betont den "Goodwill", der von allen Seiten bekräftigend auf die Realisierung einwirkte und an dem auch die Bevölkerung durchaus teilhat. Die wenigen kritischen Stimmen, die für diese - letztlich geringe - Summe lieber einen Güterweg oder Ähnliches in Angriff genommen hätten, verstummen jetzt laut Heger. Die Leute aus dem Ort würden vielmehr unentgeltlich aus Spaß an der Sache mitarbeiten und beispielsweise Traktoren für Requisitentransporte etc. zur Verfügung stellen.

Im Herbst, wenn sich Lunz wieder nur an den Rand des österreichischen Kältelochs zubewegt, wird die schwimmende Bühne entkoppelt, unter Trara und Volksfest zu ihrem Unterwasser-Ankerplatz verschippert und viele Meter tief versenkt. Stichwort Frostgefahr. Der See schützt sie, weil ohne ihn würde hier, wie gesagt, nichts funktionieren.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3.7.2005)

Von Ute Woltron

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