Kaddisch für ein Chamäleon

8. Juli 2005, 12:22
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"Requiem für Jakob" - Roswitha Quadfliegs literarische Rekonstruktion eines fantastischen Lebens

Wer war Jakob Birnbaum? Hat man schon jemals von ihm gehört? Was hat er geschaffen, was hinterlassen an Bemerkenswertem? Die Antwort darauf lautet: Rätsel. Ausschließlich Rätsel. Und zwar mehr als viele andere Zeitgenossen zusammen.

Denn Jakob Birnbaum war Jacques Prout war Jakob Prout war Jude war Katholik war Protestant war KZ-Häftling war Gestapo-Kollaborateur war Holocaustopfer war Falschmünzer war Diamantenhändler war Bauunternehmer und am Atlantikwall der Nazis beteiligt war Hochstapler war Professor war Lügner war Einschleichdieb war pathologisch von Fantasiefiguren Verfolgter war Kleinkrimineller. Er war dies teils hintereinander, teils zur selben Zeit. Wer war dieser Jakob Birnbaum, auf dessen Nachlass die Autorin und Buchkünstlerin Roswitha Quadflieg im Jahr 2001, fast vier Jahre nach seinem Tod, bei Hamburger Bekannten stieß? Vielleicht dies: Zeuge eines Jahrhunderts, Signum eines Säkulums.

Roswitha Quadflieg, Tochter des Schauspielers Will Quadflieg, betrieb lange Jahre in Hamburg einen eigenen Künstlerbuchverlag, die Raamin-Presse, und gab exquisit ausgestattete und von ihr illustrierte Bände mit Texten aus der Weltliteratur wie von renommierten lebenden Autoren heraus. Erst im vergangenen Jahr stellte sie nach 30 Jahren ihre verlegerisch-künstlerische Tätigkeit ein. Auslöser war vielleicht auch dieses Buch, war dieser "Jakob Birnbaum".

Im Jahr 2001 begab sie sich auf die Lebensspuren dieses Mannes, der 1906 in Metz als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren wurde und 1997 in Hamburg starb. Sie reiste, forschte, recherchierte mehrere Jahre, immer stärker fasziniert von ihm, in mehreren europäischen Ländern - Deutschland, Frankreich, Schweiz, Italien, Belgien und Spanien - und stieß auf sich immer stärker verzweigende, immer enigmatischere Lebensräume. Sie stieß auf ausgelegte Widersprüche, auf Vorspiegelungen, Verkehrungen und kunstvoll manipulierte Fremdwahrnehmungen, auf ein chamäleonhaftes Verhalten dieses Mannes, der von seinen 91 Lebensjahren nahezu 33 hinter Gittern verbrachte. Der in Deutschland, Frankreich, der Schweiz verurteilt wurde und jeder Justizinstitution und den jeweiligen psychologischen Gutachtern stets eine etwas andere, leicht abgeänderte, korrigierte Biografie präsentierte. Der sich in den 1950er-Jahren wieder dem Judentum zuwandte und in der Hamburger jüdischen Gemeinde aufgrund seines manischen Einspruchwesens als Spinner galt. Der seine zwei Söhne überlebte und seinen Ehefrauen abhanden kam. Der ein erfolgreicher, charmeversprühender, eleganter homme à femmes war und am Ende allein starb. Der sich mit Briefen, in denen er vor obskuren Beobachtungsapparaturen in den Händen von Geheimdiensten warnte, an den deutschen Bundeskanzler wandte. Der im Zweiten Weltkrieg vielleicht mit der Vichy-Regierung paktierte, ein leichtes Leben in Paris führte und Jahre später eine Opferrente reklamierte. Der noch mit über 80 Jahren als Fotomodell posierte und doch die letzten zwanzig Lebensjahre von Sozialhilfe lebte. Der seiner Umgebung etwas vorspielte, vorfantasierte. Keiner wusste, wer er wirklich war. Wusste er es selbst? Dies bleibt bis zum Ende unklar.

Mit ihrem neuen Buch gelingt Roswitha Quadflieg ein hoch literarisches, klug komponiertes, wunderbar leicht zu lesendes und üppig illustriertes Kabinettstück, ein seltenes Juwel. Denn sie legt hiermit etwas vor, was im englischen Sprachraum "personal essay" genannt wird. Dabei handelt es sich um das Umkreisen eines Themas in subjektiver Art und Weise, wobei sie sich auf Archive, reale Quellen und Unterlagen stützt.

Roswitha Quadflieg tritt in Zwiesprache mit Jakob Birnbaum. Doch auch sie bleibt am Ende ratlos zurück; fast erleichtert, sich dieser Lebensbeschreibung, diesem wilden Zickzacklauf durch die Moderne entledigen zu können. Was sie schreibend konstruiert, ist das faszinierende Monument eines Irrlichternden, das Soziogramm eines stetig und geradezu zwanghaft dem Rollentausch Verpflichteten. Der ihr partiell näher kommt und in anderen Bereichen wieder ferner rückt. Es ist das Kaleidoskop eines wirren Jahrhunderts, sich spiegelnd und brechend in einem geradezu fantastischen Lebenslauf eines Mannes, der - vielleicht - Jakob Birnbaum hieß.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3.7.2005)

Von Alexander Kluy

Alexander Kluy lebt als Publizist in München

  • Roswitha QuadfliegRequiem für Jakob. Eine Spurensuche. € 28,50/ 348 Seiten
 mit vielen Abb., Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2005.
    foto: eichborn

    Roswitha Quadflieg
    Requiem für Jakob. Eine Spurensuche.
    € 28,50/ 348 Seiten mit vielen Abb., Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2005.

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