New York meets Paris

8. Juli 2005, 12:22
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Zwei literarische Begehungsprogramme im Vergleichstest

Es gibt Bücher, die am kulturellen Feld gleichsam nachklauben, frei nach dem Motto, dass die gefallenen und die liegen gebliebenen Erdäpfeln oft die schönsten sind. So boomt auch eine literarische Accessoire-Industrie: seien es nun Kochbücher, die Adalbert Stifter formidabel auf die Palme treiben, feuchte Details von James Joyce zwischen Dublin und Triest oder schlichtweg Ingeborg Bachmann im Bikini.

Und da literarische Reiseführer von St. Pölten (z.B. mit Rilke) noch Krenn sei Dank ausstehen, hält man sich wohl besser an echte Metropolen, wobei Paris und New York als die Magnetberge einer westlichen Moderne im 20. Jahrhundert sich immer wieder zum Erinnern und Schreiben angeboten haben.

Die Kunst des Selbst- und Fremdrecyclings beherrschte schon Henry Miller (1891-1980), einer der berühmtesten Schweinigel jener großen Zeit. In Brooklyn geboren, ging er 1928 wie viele amerikanische Intellektuelle nach Paris - fruchtbare Jahre, von denen seine Erfolgsbücher Im Wendekreis des Krebses und Stille Tage in Clichy zeugen (und dies in einem ziemlich biologischen Sinne). In seinem Erinnerungsbuch Remember to Remember (1947) kehrte er nochmals zurück nach Frankreich, sein Land der Erinnerung (so der deutsche Untertitel), von dem ihn inzwischen der Zweite Weltkrieg trennte.

Für einen Autor, der so nahe am eigenen Leben schrieb, ist die Ausbeute bei dieser Nachklaub-Aktion allerdings eher enttäuschend. Merkwürdig abstrakt für einen Freikörper- und Sinnlichkeitsfanatiker wie Miller bleibt der erste Teil, der sich antiquiert in Erörterungen über "die Franzosen" und ihren Nationalcharakter ergeht. Es folgen einige eher banale Erörterungen über Europa und den Zweiten Weltkrieg, die zeigen, dass Miller nicht unbedingt zum politischen Essayisten geboren war.

Erst in der zweiten Hälfte kommt der Panerotiker langsam auf Touren, wenn er uns etwa vom deutschsprachigen Autor (Al)fred Perles und anderen Weg- und Bettgefährtinnen und -gefährten dieser Jahre erzählt: "Eines Tages erschien von Gott weiß woher ein österreichischer Freund. Er war seelisch und körperlich in einem schlimmen Zustand. Bei einem guten Essen gestand er, dass er von der Polizei gesucht wurde. Wir versteckten ihn ungefähr zwei Monate lang und erlaubten ihm nur, erst nach Einbruch der Dunkelheit das Haus zu verlassen. (...) Es war eine wunderbare Zeit für uns drei."

Trotz dieses jähen Einbruchs des Österreichers in die Pariser Männer-WG und anderer Schmankerln bleibt die Buchstabensuppe indes merkwürdig dünn. Miller, der nie viel Zeit auf den Aufbau seiner Bücher verwandte, sondern illustrative Anekdoten und Aperçus aneinander klebte, hat diese Pariser Resteverwertung ganz besonders assoziativ zusammengeschustert. Spannender wäre hier wohl gewesen, die Geschichte seiner diversen Nebenrollen-Stars zu erzählen, über die wir - abgesehen von der kongeni(t)alen Gespielin und Autorin Anaïs Nin - relativ wenig wissen.

Dort, wo Miller leichtfertig Worte auf Papier geworfen hat, zeugt Sabine Scholls liebevoll-kritisches New-York-Buch Sehnsucht Manhattan von literarisch polyglotter Belesenheit und ist buchstäblich durchplant. Es eignet sich per definitionem für "Streifzüge" im Babylon der Postmoderne, zwischen Ellis Island, Ground Zero und der Bronx ("No Thonx"). Andererseits funktioniert das aber auch wieder nicht, denn die österreichische Autorin und Literaturwissenschafterin Scholl (Jg. 59) macht es wie ihre deutsche Kollegin Barbara Bongartz, die "in unzähligen Zitaten und Anspielungen darauf (verweist), dass die Erzählungen über New York immer schon aus zweiter Hand stammen, dass es die unmittelbare Wahrnehmung nicht gibt".

Dies ist ein viel mehr durchdachtes Erinnerungskonzept einer mythischen Stadt als Millers Naivität des Beschwörens dessen, was immer schon zitiert ist (d.h. im Notfall eben des Selbstzitats). Scholl dagegen macht aus der realen Gegenwart der Stadt eine Leerstelle für den Leser, der diese dort mit seinen eigenen Erlebnissen besetzen muss, wo Sabine Scholl nichts über sich selbst und "ihr" "echtes" New York erzählt hat. Dabei kann es dem Leser freilich so ergehen wie dem bayrischen Urgestein Oskar Maria Graf, der wie viele vor und nach ihm 1938 als Emigrant nach New York kam, zwischen die Kulturen rutschte und klagte: "Der Einzelne verliert sich stets, bloß das Ganze packt mich immer wieder. Mit Daheimsein hat das bestimmt nichts zu tun, zum Daheimsein gehört eine gewisse Intimität. Die fehlt hier völlig. Ich komm mir da vor wie ein gleichgültiger Dutzendgast in einem Riesenhotel."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3.7.2005)

Von Clemens Ruthner

Clemens Ruthner, geb. in Wien, ist Germanist an den Universitäten von Antwerpen und Alberta (Kanada)

Die Bücher:

Henry Miller:
"Frankreich. Land der Erinnerung".
Deutsch von Heidi Zernig, Fotos: Henri Cartier-Bresson.
€ 20,40 /199 Seiten. Schöffling, Frankfurt/Main 2005.

Sabine Scholl:
"Sehnsucht Manhattan. Literarische Streifzüge durch New York."
€ 20,40/ 255 Seiten.
Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich, 2004.

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