Die Strafkolonie am Ende der Welt

8. Juli 2005, 12:22
posten

Nicholas Shakespeare sucht "In Tasmanien" die eigenen Wurzeln

Der Autor öffnet ein Paket mit uralten, vergammelten Briefen und entdeckt einen berühmten, wenn auch schillernden Verwandten und eine überraschende Verbindung zu einer Insel am Ende der Welt.

Was wie ein Roman mit einem nicht besonders innovativen Einstieg beginnt, ist in Wirklichkeit eine historische Spurensuche. Nicholas Shakespeare, der sich nach der siebenjährigen Arbeit an seiner großen Bruce-Chatwin-Biografie anderen Themen und Landschaften zuwenden will, verliebt sich in ein Haus am Strand von Tasmanien. Er erfährt, dass einer seiner Vorfahren der "Vater Tasmaniens" genannt wird, und beginnt, sich mit diesem Abenteurer, Rumhändler, Politiker, Republikaner und bemerkenswerten Berserker, dem Urururgroßonkel Anthony Fenn Kemp zu befassen.

Er galt als das schwarze Schaf seiner britischen Familie und wie viele zwielichtige oder gescheiterte Existenzen war er gezwungen, sein Heil in einer abgelegenen Kolonie zu suchen. Tasmanien, einst eine Strafkolonie für 76.000 Verbrecher aus allen Ecken des Empire, erfuhr ab 1856 eine Imagekorrektur: Man nahm plötzlich die Naturschönheit dieses unberührten Landes wahr, Auswanderer wählten Tasmanien als neue Heimat. Was man der undurchdringlichen Wildnis abrang, wurde in eine Kopie der englischen Landschaft verwandelt.

Shakespeare verflicht im Wechselspiel historische Fakten und persönliche Eindrücke zu einer abwechslungsreiche Spurensuche, für die keine angestrengten Kunstkniffe nötig sind, da er ja im eigenen Stammbaum recherchiert und auch dokumentarische Fotos einfügen kann. In Tasmanien ist eine an Ereignissen und Personen übervolle Chronik, die sich in spielerischen Schritten vor- und rückwärts bewegt und auch ein Stück Mentalitätsgeschichte beleuchtet. Ganz wie Richard Flannagan in seinem Roman Tod auf dem Fluss zeigt auch Shakespeare, wie die Einwohner Tasmaniens Stammbäume fingierten, um nur ja nicht durch straffällig gewordene Vorfahren gebrandmarkt zu sein. Ein weiteres Tabu war die mögliche Vermischung mit den Aborigines.
Die offizielle "weiße" Eroberungsgeschichte pflegte zu behaupten, dass es in Tasmanien gar keine Eingeborenen gab. Das ist, wie nicht nur Shakespeare herausfand, eine glatte Lüge. Es waren wenige, aber die wurden aktiv verfolgt und ausgerottet. 1868 gab es auf der ganzen Insel nur mehr einen Aborigine. In den vergangenen Jahren ist es jedoch in Mode gekommen, einen "schwarzen" Vorfahren für sich zu reklamieren und daraus allerlei spirituelle Fähigkeiten abzuleiten.

Die Geschichte Tasmaniens kann auch als eine paradigmatische Geschichte der Verdrängung gelesen werden. Vor allem aber ist Shakespeares materialreiches Werk ein unterhaltsames, humorvolles, bestürzendes und grausames Buch über die Kolonisation einer unzähmbaren Insel.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3.7.2005)

Von Ingeborg Sperl
  • Nicholas Shakespeare,  In Tasmanien. Deutsch von Hans M. Herzog.
€ 25,60/ 498 Seiten. marebuchverlag, Hamburg 2005
    foto: marebuchverlag

    Nicholas Shakespeare,
    In Tasmanien.
    Deutsch von Hans M. Herzog.
    € 25,60/ 498 Seiten. marebuchverlag, Hamburg 2005

Share if you care.