Urbane Polyfonie

8. Juli 2005, 12:22
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Peter Roseis großer Roman "Wien Metropolis"

Kommt ein Wien-Roman ohne Wien-Klischees aus? Nicht ganz, wird man nach der Lektüre von Roseis Wien Metropolis sagen müssen, aber man kann sie in so erträglichem Ausmaß servieren, dass man sie schon wieder mag: "Die Strnad ist zwar freundlich, aber kurz angebunden, zuvorkommend und reserviert in einem, wie man das vielleicht nur auf einem Platz der Welt, nämlich in Wien sein kann." - das ist eine der wenigen Stellen, wo sich der Roman auf die Besonderheit Wiens einlässt, und zwar elegant; elegant meidet Rosei auch mit siche- rem Instinkt die Klischees, die dieses Wien anders sein lassen und dabei auch das sein lassen, was Wien wirklich auszeichnet. Die einzelnen Stadtteile, das Überschreiten der Grenzen, der Dialektgrenzen, dafür bietet Wien reichliches Anschauungsmaterial: Insofern war das Schweigen der Autoren zu Wien nach Doderers Großstadtromanen doch auch bedenklich.

"Wien schweigt", heißt es bei Ingeborg Bachmann am Schluss des ersten Teiles. Wien sei ein aussterbender Friedhof, liest man bei Thomas Bernhard. Die Stadt als Sujet des Romans ist diesem allerdings nicht nur ein äußerliches Moment, der Roman entspricht metaphorisch dem Wesen einer Stadt, mit ihrem Zentrum und vielen Stadtteilen.

Das Interesse an Wien ist neu erwacht, und es sei an Peter Henischs bemerkenswerten Roman Der schwarze Peter (2000) erinnert, es sei erinnert an Gerhard Roths Das Labyrinth und Eva Menasses Vienna (beide 2005), nur wächst just bei thematischer Nähe von Büchern das Maß der Unvergleichbarkeit im Ästhetischen. Roseis Roman Wien Metropolis wird der Komplexität des Gegenstandes gerecht, und meistern ließ sich das Problem nur durch die bewusste und reflektierte Verwaltung des Themas. Zunächst scheitert man wegen der Überfülle von Handlung an der Inhaltsangabe, aber das ist indirekt doch ein Qualitätskriterium.

Der Handlungszeitraum ist in etwa mit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gegeben. Als Regisseur hält der Erzähler die Handlungsfäden fest in Händen, und ohne umständliche Begründung bleibt er Herr über Auftreten und Verschwinden der Figuren. Die Gemeinde Wien kann ihre Freude an dem Roman haben. Der Erzähler macht des Öfteren Örtlichkeiten mit einem tiefen Atemholen kenntlich: "Fährt man von Osten auf Wien zu, hat man zuerst nur eine leere, von grünen Pappelalleen und halb ausgetrockneten Flussbetten durchzogene Ebene vor sich, heute vielfach von Industrieansiedlungen durchstanden, von Autobahnen zerschnitten." Manches mutet konventionell an, aber es ist eine ironisch gebrochene Konventionalität, eine Reverenz vor der Beschreibungslust eines Adalbert Stifter. In diese Räume platziert der Erzähler seine Figuren, Pandura und Oberkofler, ein Stück Namenspoesie, das die Amplitude der ethnischen Herkunft der Wiener Bevölkerung ausmisst. Dann sind da die beiden Knaben aus Klagenfurt, Alfred und Georg, deren Lebensweg wir beobachten, die Mutter Alfreds, die "Strnad" und ihr früherer Geliebter, der Herr Leitomeritzky, das Proletarierpaar Maria und Johann Oberth und ihr Kind, die Professorenfamilie, der Internist Professor Wohlbrück, seine Familie, in die dann Georg, der junge Mann vom Lande, einheiratet und zum Mitglied der Wiener Gesellschaft wird.

In diesem Roman wird die andere Seite der Geschichte erzählt, das Verborgene, mit den erotischen und homoerotischen Extratouren der Helden, zwischen Pandura und Oberkofler, zwischen Alfred und Georg, es wird erzählt von den Ausschweifungen des Autokaisers Leitomeritzky und der Frau Wohlbrück, von dem Leben der Jeunesse dorée in Wien und den Famili-enfassaden - da gibt es auch eine Unterwelt, und die Strnad, die erfolgreiche Grundstücksmaklerin, macht schamlos Geschäfte mit arisiertem Gut. Aber keines dieser Motive wird so ausgespielt, dass man seiner überdrüssig würde. Das reicht von den intellektuellen Ambitionen der jungen Männer, von der Universität über die Geschäftswelt bis zu den Nachtlokalen; wir verlassen aber die Milieus nach deren kurzer und zutreffender Charakteristik schnell. Die Stadt ist auch der Ort der Zufälle, und so wird auch Strnad zu Tode gefahren, doch das bleibt im Beiläufigen.

Wohltuend: Es ist kein Schlüsselroman und verliert sich so gut wie gar nicht im Anekdoti-schen. Eine kleine Konzession in diese Richtung gibt es, wenn am Ende der gefeierte Schriftsteller Berner auftritt, ein Nörgler, den die bessere Gesellschaft so braucht und missbraucht, wie sie das mit Thomas Bernhard tat und tut. Rosei weiß, dass man Geschichten nicht stur zu Ende erzählen braucht, im Gegenteil: Sie können abbrechen, so wie die Alfreds, den wir aus dem Auge verlieren, die Geschichte eines Verkommens in der Fremde. Die Chronologie wird flanierend umspielt, ja manche Abschnitte lesen sich wie Märchen oder Gedichte in Prosa, in denen die Zeit stillsteht. Rosei ist ein Meister der Polyfonie, er kann verschiedene Töne anstimmen, elegisch werden und satirisch zugleich - die Satire ist eines der großen literarischen Verdienste des Urbanen seit dem alten Rom und dem alten Athen.

Man kann das Buch auf mehreren Ebenen lesen, man kann es als Information benützen, als Begleitlektüre für die Geschichte Wiens, und man soll vor allem eines bewundern: Auf engem Raum ist viel gesagt, trotz der Abundanz an Handlung, ein Kabinettstück erzählerischer Ökonomie. Nichts gegen dicke Bücher, wir schätzen sie, wenn sie ihren Umfang durch ihre Sprache rechtfertigen. Rosei hat bewiesen, dass verdichten gerade in dem Genre angebracht ist, das für die Großstadt geschaffen ist, im Roman.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3.7.2005)

Von Wendelin Schmidt-Dengler

Hinweis: Peter Rosei liest am 7. Juli um 20.45 Uhr im Haupthof des Museumsquartiers aus dem besprochenen Band. Wendelin Schmidt-Dengler spricht einführende Worte und "The Slow Club" mit Hansi Lang, Thomas Rabitsch und Wolfgang Schlögl leitet ab 20 Uhr musikalisch ein.

  • Peter Rosei, Wien Metroplis € 18,50/ 253 Seiten.
Klett-Cotta, Stuttgart 2005.
    foto: klett-cotta

    Peter Rosei,
    Wien Metroplis
    € 18,50/ 253 Seiten.
    Klett-Cotta, Stuttgart 2005.

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