"Cachorro": Die Bären sind los

3. Juli 2005, 21:01
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Im spanischen Spielfilm "Cachorro" wird ein schwuler Zahnarzt unfreiwillig Vater

Wien – Seit vergangenem Donnerstag ist es amtlich: Ausgerechnet das katholische Spanien führt als viertes Land weltweit die so genannte "Homo-Ehe" ein. Diese Woche hat das spanische Parlament das entsprechende Gesetz verabschiedet, das noch im Sommer in Kraft treten soll. Bereits im Vorjahr hatte das sozialistische Regierungskabinett den Entwurf dazu vorgelegt, der die rechtliche Gleichstellung heterosexueller und homosexueller Paare inklusive der Möglichkeit zur Kinderadoption vorsieht und der seither für öffentliche Debatten und Kundgebungen sorgte.

Vor diesem Hintergrund (und aus diesem Kontext) kommt nun der kürzlich beim Queer Film Festival identities vorgestellte spanische Spielfilm Cachorro von Miguel Albaladejo regulär ins Kino. Er beginnt gleich einmal ganz unmissverständlich mit zwei kräftigen Kerlen, die Liebe machen und kaum voneinander lassen können, während der Dritte im Bunde, der Hausherr, langsam nervös wird:

Pedro (José Luis García Pérez), Zahnarzt und erklärter Single, hat sich nämlich bereit erklärt, seinen elfjährigen Neffen Bernardo (David Castillo) für zwei Wochen bei sich aufzunehmen.

Dessen Mutter reist nach Indien, dort wird sie allerdings mit Drogen erwischt und inhaftiert. Der Zeitpunkt ihrer Rückkehr ist ungewiss. Pedro richtet sich also mit der Unterstützung von Freunden und Nachbarn darauf ein, bis auf Weiteres die Verantwortung für den Jungen zu übernehmen, dessen leiblicher Vater nicht mehr lebt.

Vater werden

Der Film hält sich nicht lange mit Fragen nach einem möglichen Zusammenhang von sexueller Orientierung und der Befähigung zur Kinderaufzucht auf. Wieso auch. Die Selbstverständlichkeit, mit der hier beschrieben wird, wie ein kinderloser Erwachsener, begleitet von entsprechenden Unsicherheiten und Zweifeln, langsam in eine späte Vaterrolle hineinwächst, gehört eindeutig zu den Stärken des Films.

Genauso wie die Charakterisierung von Pedros jungem Schutzbefohlenen, den seine Mutter besser auf gegenwärtige Lebensmodelle vorbereitet hat, als die Erwachsenen glauben. Und der etwa den Besuch von Pedros Langzeit-Lover, den sein Onkel unter den veränderten Bedingungen nicht recht genießen kann, ganz gelassen sieht.

Allerdings will sich Cachorro irgendwann nicht mehr mit der Beobachtung von Pedros Alltag und seinem Neo-Männerhaushalt begnügen. Ein bisschen Drama muss her. Und so macht auch die Großmutter des Jungen Ansprüche geltend und nutzt dabei ihr Wissen um Pedros HIV-Diagnose als Druckmittel.

Mit dieser Wendung, mit der Verschiebung weg von der Beschreibung eines Lebenszusammenhangs hin zu einem melodramatisch gefärbten Machtkampf, wird die Erzählung zusehends schematischer. Auch die Propagierung eines vielfältigeren Schwulenbildes – hier geht es um "Bären", Männer mit Körperbehaarung und gerne auch mit Bierbauch – wirkt irgendwann eher so, als würde man ein Stereotyp durch ein anderes ersetzen.

Feelgood-Faktoren

Dramaturgisch läuft das alles reichlich glatt. Zwischen Feelgood-Faktoren und gezieltem Druck auf die Tränendrüse bleiben die Personen, ihre Konflikte miteinander und mit sich selbst auf der Strecke. Musikalisch übertünchte, episodische Sequenzen geraten zu Klischees – wenn etwa eine Parallelmontage Onkel und Neffe getrennt zu Leidenden stilisiert, die keinen Spaß am "Spielen" mehr haben.

Andere Momentaufnahmen und Sequenzen von Cachorro haben dessen ungeachtet Bestand. Ebenso wie die Frage, inwieweit öffentliche Diskussionen, politische Entscheidungen und Filmbilder einander bedingen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.7.2005)

Von Isabella Reicher

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    <p>David Sowka hat Verständnis für <a href="/1244460640935" target="_self">Journalisten, die Twitter-Meldungen ungeprüft übernehmen</a>.</p>
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