Pandämonium der Stimmen und Sounds

8. Juli 2005, 12:29
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Wiener Grabenfest mit hoher Musikqualität

Wien - Erbauliches gibt es zu vermelden vom diesjährigen, traditionell ins Jazzfest hineinlappende GrabenFest der ÖBV, das sich mit dem Mammutevent in Staatsoper und Co auch das Geburtsjahr 1991 teilt. Derartig freudvolle Kunde, dass dem geneigten Leser gleich zu Beginn der an sich als Resümee gedachte Satz entgegengeworfen sei, dass der Jahrgang 2005 als einer der spannendsten noch geraume Zeit nachhallen wird. Und an pulsbeschleunigenden Momenten nicht arm war, obwohl als Generalthema das Wilhelm-Hauff-Märchen Das kalte Herz fungierte.

Wichtiger als dieser Text, dem Unfallchirurg Johannes Poigenfürst seine an Nestroy geschulte Stimme lieh, war freilich der Umstand der Präsentation dreier junger musikalischer Persönlichkeiten: Kurator Achim Tang hatte die in den letzten Jahren nicht selten nach Familienfeier riechende Veranstaltung wieder zu jenem Experimentlabor für zeitgenössische Improvisationsmusik zurückverwandelt, als das das GrabenFest Reputation gewonnen hat.

Den Namen Philip Zoubek etwa wird man sich fortan merken müssen. Der 27-jährige niederösterreichische Pianist gefiel durch einen radikalen und doch ausnehmend sinnlichen Zugang zu seinem Instrument, welches sich unter seinen Händen in einen Klangfarben-Generator zu verwandeln schien. Mit allerlei Saitenpräparationen und -manipulationen sahen sich abstrakte, in motorischem Drive permutierte Patterns entwickelt, die in sich farbige Polyfonie hören ließen.

Singende Säge

Im Ansatz ähnlich, in den stilistischen Assoziationen jedoch konkreter, erwies sich auch Stefan Heckel als Virtuose des String Piano: Singende Sägen, Hackbretter, dann gar eine Bottleneck-Gitarre, kurz: ein ganzes Pandämonium an Stimmen und Sounds hörte man da dem schwarz glänzenden Flügel-Rachen entsteigen, immer wieder an der Tastatur klug strukturiert.

Elektronik-Spezialist Thomas Grill hingegen erimprovisierte im Verein mit Pianistin Katharina Klement und Flötistin Angelica Castello feinnervige Interaktionsnetze im tendenziell tieferen Registerbereich. So stark und selbstbewusst sich die drei jungen Improvisatoren gaben, so bestimmend war das Moment der Suche in ihren Kompositionen für die aus Andreas Lindenbaum (Cello), Petra Ackermann (Viola ) und Gerald Preinfalk (Klarinetten) bestehende Trio-Auskopplung des Wiener Klangforums: schön, dass beides beim GrabenFest ein Forum gefunden hat.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.7.2005)

Von Andres Felber
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