Wann ist die Kritik an Israels Regierungspolitik antisemitisch?

29. Juli 2005, 16:07
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Eine Briefdebatte zwischen Robert Wistrich und Brian Klug

Lieber Robert, 20. März 2005

Vor Kurzem habe ich eine Theatervorstellung auf der Grundlage von Primo Levis eindringlicher Schilderung seiner Erlebnisse in Auschwitz, Wenn das ein Mann ist, gesehen. Es kam mir vor, als hörte ich einem Geist aus dem "Haus der Toten" (seine Worte) zu. Während ich nun diesen Brief schreibe, bin ich voller Melancholie. Als der Staat Israel - der aus der Asche der Schoah aufstieg - am Entstehen war, lag Hoffnung in der Luft. Der neue Staat bot den Überlebenden eine Zuflucht an. Darüber hinaus versprach der Zionismus Juden auf der ganzen Welt zwei Sachen: eine Normalisierung und "ein Ende des Antisemitismus" (Theodor Herzl). Doch mehr als 50 Jahre später ist Israel weit davon entfernt, eine Normalisierung zu erreichen und dem Antisemitismus ein Ende zu bereiten. Im Gegenteil: Israel steht nun im Mittelpunkt dessen, was einige Beobachter als einen neuen Antisemitismus bezeichnen.

Für mich ist Antizionismus nicht unbedingt antisemitisch. Was jedoch fehlt, ist eine Klarheit darüber, wann und wie Antisemitismus vorliegt. Das verwirrt viele durchaus wohlwollende Menschen in Europa und Amerika. Oft sind sie unsicher und fragen sich, ob sie antisemitisch sind, wenn sie Israel kritisieren, sich seiner Politik widersetzen oder den Zionismus anzweifeln. Wie sind wir so weit gekommen?

Diese Verwirrung wird in meinen Augen vor allem durch drei Arten von Feindseligkeiten ausgelöst, die sich in der Praxis überlappen. Zunächst provozieren sowohl die israelische Politik als auch israelische Handlungen eine Wut, die sich gegen den israelischen Staat und gegen das jüdische Volk richtet. (. . .)

Viel schlimmer aber: Das Hoffen auf eine Normalisierung war irreführend. Denn der Zionismus war äußerst zweideutig. Einerseits sah der Zionismus sich als eine nationale Bewegung der Selbstbestimmung für ein verfolgtes Volk. In diesem Sinne bedeutete Zionismus Befreiung von Europa. Andererseits wurde der Zionismus in der Region des Nahen Ostens als ein europäischer Vorstoß in das arabische und muslimische Kernland betrachtet. (. . .) Schließlich stellen - einige ernsthafte - antijüdische Vorurteile eine weitere Art von Feindseligkeit dar. Diese sollten wir nicht unterschätzen. Aber wann wird Widerstand gegen Israel zu antisemitischem Antagonismus?

Herzlich, Brian Klug

Lieber Brian, 30. März 2005 Wir stimmen überein, dass nicht alle Kritik an der israelischen Regierungspolitik und am israelischen Verhalten eine antijüdische Feindseligkeit ausdrückt. Aber wo verläuft die Grenze? Für mich ist entscheidend, ob "Kritik" am Zionismus darauf abzielt, den jüdischen Staat zu zerstören, ohne zugleich das Verschwinden aller anderen Staaten im Nahen Osten zu fordern.

Ich würde auch untersuchen, ob sich der Kritiker in der systematischen Verunglimpfung oder Verteufelung Israels engagiert. Greift er auf klassische antisemitische Stereotypen zurück? Indem er zum Beispiel die angebliche jüdische/zionistische "Verschwörung" zur Herrschaft über die Welt ans Licht zerrt? Indem jüdische/israelische "Kriegsförderer" heraufbeschworen werden, die angeblich die amerikanische Außenpolitik bestimmen? Oder indem er sich auf eine überaus mächtige "jüdische Lobby" beruft, die Gerechtigkeit im Nahen Osten verhindert? Wenn der "antizionistische" Kritiker Juden für das Chaos und die Unruhen in der Welt verantwortlich macht, dann ist er sicher ein Antisemit. Wenn er israelisches Verhalten als verbrecherisch abstempelt, indem er es unnötig mit "Nazisymbolen" assoziiert oder als grundsätzlich "rassistisch" brandmarkt, dann haben wir es mit Antisemitismus zu tun.

Doch ich zweifle eine deiner Annahmen an. Ist Israel wirklich ein "Eindringling" oder ein "Außenposten des Westens" im Nahen Osten? Du gibst zu, dass das simplifizierend ist, ohne den Grund dafür zu nennen. Ich glaube das Folgende: Die Juden, die in das Land Israel zurückkehren, sind nicht mit europäischen Siedlern auf anderen Kontinenten zu vergleichen. Sie sind ein Volk von Ureinwohnern, die in ihr historisches Heimatland, das die Quelle ihrer nationalen Identität darstellt, zurückkehren. Die spirituelle und physische Verbindung der Juden mit Zion ist kontinuierlich geblieben und existierte schon jahrhundertelang, bevor muslimische Eroberer in den arabischen Wüsten auftauchten. (...)

Herzlich, Robert Wistrich Lieber Robert, 8. April 2005 Lass mich erklären, warum ich es für "simplifizierend" halte, Israel als "Eindringling" oder als einen "Außenposten des Westens" im Nahen Osten zu sehen. Für mich ist diese Sichtweise einseitig: So nehmen arabische Augen den jüdischen Staat wahr. Im gleichen Maße ist die Sichtweise, dass die Juden ein "ursprüngliches Volk sind, das in sein historisches Heimatland" zurückkehrt, einseitig: Das ist ein jüdischer Standpunkt. (Um präziser zu sein, das ist eine Version der zionistischen Sichtweise.) Beide Seiten neigen also dazu, die Dinge zu vereinfachen. Und solange beide nicht begreifen, dass es einen "Zusammenprall der Wahrnehmungen" gibt, solange werden sich auch ihre Einstellungen nicht wesentlich ändern. (. . .)

Beide Seiten spielen damit, der anderen die Verantwortung zuzuschieben. Daran ist an sich nichts auszusetzen. Wo ein Konflikt zwischen Nationen existiert, ist jede Partei dazu berechtigt, für ihre Sache einzutreten. Aber jemand kann ein Befürworter sein, ohne ein Rassist oder Antisemit zu sein.

Das bringt uns zu unserer Frage zurück, wann Opposition gegen Israel oder seine Regierung antisemitisch ist. Du schlägst verschiedene Arten vor, eine Trennlinie zu ziehen. Sicher greifen Kritiker Israel oft unfair heraus, verleumden den Staat oder stellen ihn als verbrecherisch dar. All das ist ohne Zweifel parteiisch. Aber ist das unbedingt antisemitisch? Nein, das ist es nicht. Der israelisch-palästinensische Konflikt ist ein tragischer und bitterer Kampf. Die Streitpunkte sind komplex, die Leidenschaften entfacht, und das Leiden beider Bevölkerungen ist groß. In solchen Umständen sind beide Seiten parteiisch. Wann aber ist diese Parteilichkeit antisemitisch? Ich stimme mit dem, was du über "klassische antisemitische Stereotypen" sagst, überein und fasse es so zusammen: Durch die Augen eines Antisemiten betrachtet sind Juden prinzipiell fremdartig, mächtig, verschlossen, hinterlistig und parasitär. Opposition gegen Israel oder seine Regierung ist antisemitisch, wenn diese oder andere Variationen dieser Fantasie verwendet werden. (...)

Herzlich, Brian Klug Lieber Brian, 12. April 2005 Die Geschichte des Antisemitismus lehrt uns, meiner Meinung nach, dass ein Kontinuum von Vorurteilen existiert, die von der sozialen Diskriminierung der Juden bis hin zur Konzentration in Gettos und gewalttätigen Formen wie der Zuspitzung im Holocaust reichen. Darum sollten wir vorsichtig sein, nicht die systematische Verleumdung des israelischen Staates zu nachsichtig als bloße Parteilichkeit zu behandeln. Diese radikale Verneinung stellt den Zionismus oft als einen korrupten oder "fremdartigen" Einfluss im Nahen Osten dar; als eine rassistische, faschistische oder sogar "nazifizierte" Ideologie.

In den meisten Fällen stützt sich so ein Antizionismus auf eine abschätzige Sichtweise des Judaismus, des Judentums und der jüdischen kollektiven Existenz. Egal, welchen Ursprung diese Sichtweise hat, sie ist eindeutig von den antisemitischen Denkkategorien, die du nennst, beeinflusst - die Juden als grausam, heuchlerisch and verschwörerisch betrachtet. Islamistische Bewegungen wie die Hamas, Hisbollah und Al-Kaida sehen den palästinensischen Konflikt durch das Prisma solch antisemitischer, verschwörerischer Theorien, in denen "Kreuzfahrer" und "Zionisten" absichtlich versuchen, Muslime zu erobern, versklaven und zu erniedrigen.

Die Weltanschauung der Djihadis fasst die Zerstörung Israels als Teil eines globalen Kampfes zwischen dem Islam und den "Ungläubigen" auf; es kann keinen Frieden mit den Juden geben, nur Krieg und Djihad. (...)

Herzlich, Robert Wistrich Lieber Robert, 14. April 2005 Die Geschichte des Konflikts lehrt uns, meiner Meinung nach, etwas Grundsätzliches über das Subjekt unserer Debatte. Wenn zwei Menschen sich nicht einig werden können, neigen beide dazu, eine feindselige Denkweise zu entwickeln, die die andere verteufelt und sich selbst entlastet. Und während beide negative Stereotype des anderen benutzen, erkennt keine der beiden Parteien ihre Bigotterie.

Aber du schreibst, als wenn nur eine Seite im israelisch-palästinensischen Konflikt - die arabische - eine feindselige Denkweise hätte. Ich teile deine Sorgen über eine Weltanschauung, die die Ausrottung Israels als Teil eines globalen Kampfes zwischen dem Islam und den Ungläubigen auffasst. Und ich bin entsetzt über Gruppen, sie sich auf den klassischen Antisemitismus stützen. Doch wie steht es mit der Weltanschauung auf der anderen Seite: diejenige, die die Intifada als Teil eines globalen Kriegs gegen die Juden betrachtet? Oder die rassistische und islamophobe Bilder gegen die Palästinenser verwendet? Ja, es hat "ein Kontinuum von Vorurteilen" gegen Juden in der Geschichte des Antisemitismus gegeben. (...)

Aber hier handelt es sich um europäische und nicht nahöstliche Geschichte. Wegen der Vorurteile wurden Juden in Europa als eine finstere und mächtige Gruppe wahrgenommen. In Wahrheit jedoch wurden die meisten Juden (wie meine Vorfahren) an den Rand der Gesellschaft gedrängt und verfolgt. Der Zionismus sah sich genau deshalb als eine politische Bewegung an, die die Machtlosen ermächtigen sollte. Und er war erfolgreich: Israel ist heute eine Großmacht im Nahen Osten. Wenn Menschen auf die Art reagieren, wie der jüdische Staat seine Macht ausübt, besonders in den besetzten Gebieten, oder weil er als Handlanger der mächtigen Vereinigten Staaten wahrgenommen wird: dann sind das keine Vorurteile. Und es ist auch kein Antisemitismus. Wenn wir sagen, es sei Antisemitismus, obwohl es keiner ist, werten wir nicht nur das Wort ab, sondern wir verlieren auch an Glaubwürdigkeit und befremden wohlwollende Menschen.

Zu diesen sollten wir stattdessen sagen: "Behandelt Israel wie jeden anderen Staat und den Zionismus wie jede andere politische Bewegung. Kritisiert sie oder widersetzt euch ihnen auf der Grundlage moralischer, politischer und religiöser Einwände. Aber erinnert euch an den Antisemitismus: Vermeidet es, egal wie versehentlich, negative Stereotype von Juden heraufzubeschwören". (...)

Herzlich, Brian Klug Lieber Brian, 28. April 2005 Gerade hat die britische "Association of University Teachers" (AUT) beschlossen, eine Reihe israelischer Universitäten zu boykottieren. Ähnliche Maßnahmen gegen russische Akademiker wegen der Gräueltaten in Tschetschenien oder gegen palästinensische Institute, an denen der Djihad-Terrorismus verherrlicht wird, leitet sie jedoch nicht ein. Nur die pluralistischen Universitäten in Israel werden wegen diskriminierender Behandlung hervorgehoben. Laut deinen Kriterien sind doppeldeutige Prinzipien und Scheinheiligkeit der bloße Ausdruck einer Parteilichkeit, die auf beiden Seiten existiert. Ich bin da anderer Meinung. Jede Entscheidung, Israel zu boykottieren, ist nicht zu erklären, ohne den Antisemitismus zu nennen.

Deine Position, die alles anderes als "objektiv" ist, unterschätzt die Wirkung der politischen Linken und Liberalen, die die Rechtmäßigkeit des Zionismus bezweifeln. Was wir in den vergangenen Jahren gesehen haben, ist tatsächlich ein neuer Antisemitismus, der unter einer menschenfreundlichen Fassade agiert und Israel und die Juden fälschlich als "rassistisch" anprangert.

Darüber hinaus ignorierst du den unbestreitbaren Mainstream-Charakter des muslimischen Judenhasses im Nahen Osten sowie die Tatsache, wie stark dieser die Debatte in Europa schon vergiftet hat. Ganz im Gegensatz zu dem, was du andeutest, ist der antijüdische Hass nicht mehr nur durch klassische europäische, christliche oder rassistische Motive angetrieben. Es sind Islamisten, die mit ihrer Verteufelung Amerikas, Israels und der Juden den Ton angeben. Die Medien, Akademiker, Künstler und religiösen und politischen Eliten in der Europäischen Union (EU) machen das duckmäuserisch nach. (...)

Deshalb glaube ich nicht, im Gegensatz zu dir, dass eine "Normalisierung" für Israel oder das jüdische Volk möglich oder wünschenswert ist. Solche "Lösungen" für den Antisemitismus sind schon ausprobiert worden und gescheitert. Sollte aber die arabische Welt verstehen, dass nicht Israel, sondern Unwissenheit und fehlende Freiheit ihre größten Feinde sind, dann wird ein Frieden möglich sein.

Herzlich, Robert Wistrich

Initiiert und übersetzt von Monika Jung-Mounib. Sie lebt als freie Journalistin (mit Arbeitsschwer- punkten Naher Osten und Ukraine) in der Schweiz. (DER STANDARD, ALBUM, 2./3.7.2005)

Brian Klug ist Senior Research Fellow in Philosophie in St. Benet's Hall, Oxford University und Associate Professor an der Saint Xavier University in Chicago. Klug ist Mitherausgeber der Zeitschrift Patterns of Prejudice, die vom Routledge Verlag zusammen mit dem Parkes Institute for the Study of Jewish/Non-Jewish Relations an der University of Southampton veröffentlicht wird, sowie Gründungsmitglied des Jüdischen Forums für Gerechtigkeit und Menschenrechte. Im November 2004 sprach Klug vor dem Deutschen Bundestag zu diesem Thema.

Robert S. Wistrich ist Neuenberger Professor für Moderne Europäische und Jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität von Jerusalem und Direktor des Internationalen Vidal Sassoon Zentrums für das Studium des Antisemitismus.

Zuletzt erschien von ihm im Jahr 2003 beim Berliner Taschenbuchverlag Hitler und der Holocaust (€ 11,40).

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