Umweltschutz "natürlich unpopulär"

4. Juli 2005, 17:10
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Gerhard Heilingbrunner, Präsident des Umweltdachverbands, kritisiert im STANDARD-Interview den mangelnden Mut in der Energie -und Umweltpolitik

STANDARD: Umweltpolitik erscheint heute vielen als überflüssig, weil die wesentlichsten Probleme offenbar gelöst sind: Der Wald stirbt nicht, Zwentendorf bleibt zugesperrt, und in der Hainburger Au gibt es einen Nationalpark statt eines Kraftwerks. Wofür braucht es da noch Institutionen wie den Umweltdachverband? Heilingbrunner: Das ist eine wohl etwas übertrieben enge Sicht: Wir haben zwar kein eigenes AKW, aber Österreich ist von AKWs umzingelt, ist in die europäische Energiepolitik eingebettet und ist in Wirklichkeit in einer ähnlichen Situation wie vor 20 Jahren: Wir haben einen Stromverbrauchszuwachs von zweieinhalb Prozent - und da heißt es gegenzusteuern, aufzuklären und Alternativen wie Ökostrom zu forcieren. Beim Energiesparen sind wir möglicherweise in einer schlechteren Position als seinerzeit . . .

STANDARD: . . . weil die Sparpotenziale ausgeschöpft sind? Heilingbrunner: Nein, das sind sie nicht - aber das Bewusstsein für Energiesparmaßnahmen fehlt heute im Unterschied zur Zeit der Erdölkrisen der Siebzigerjahre. Man lässt das einfach laufen - und steht bald vor dem Problem, entweder mehr Atomstrom importieren zu müssen oder neue Kraftwerke zu errichten.

STANDARD: Die Akzeptanz dafür ist aber größer geworden - Kraftwerksprojekte regen doch auch nicht mehr so auf wie in den Achtzigerjahren Hainburg oder das Dorfertal. Heilingbrunner: Also die Ablehnung des Kraftwerksprojekts im Ötztal ist sicher nicht geringer als seinerzeit jene im Dorfertal. Der Landeshauptmann und die Tiwag werden sich noch wundern! Wir sind ja erst am Anfang der Diskussion - und die NGOs dürfen und werden die Leute nicht allein lassen.

STANDARD: Aus Umfragen weiß man aber, dass die Österreicher ihren eigenen Beitrag - etwa durch Mülltrennung oder den Kauf eines energieeffizienten Kühlschranks und Autos - als ausreichend betrachten. Liegen die Leute da falsch? Heilingbrunner: Bitteschön: Die Umweltbewegung hat viel geschafft - aber Ende der Neunzigerjahre hat sich das nicht mehr weiterentwickelt. Auch nicht im Bewusstsein der Leute, die glauben, sich umweltgerecht zu verhalten: Allein der Stand-by-Betrieb im Haushalt verschlingt den Strom eines ganzen Donaukraftwerks. Man hat den Leuten eingeredet, durch die Stromliberalisierung werde eh alles billiger - aber das hat erstens nicht gestimmt und hat zweitens zu einem leichtfertigen Umgang mit Energie geführt. Genau das Gegenteil von dem, was eine Energiepolitik, die diesen Namen verdient, leisten sollte. Stattdessen bringt die Politik den Ökostrom ins Stottern, der uns davor bewahren könnte, Spielball der Ölmärkte zu werden und uns gleichzeitig dem Kioto-Ziel zu nähern.

STANDARD: Was sollte denn die Umweltpolitik tun? Heilingbrunner: Mut beweisen. Man traut sich aber nicht, die Politik radikal zu ändern, um den CO-Ausstoß zu senken, denn da müsste man beispielsweise die Lkw-Maut auf alle Straßen anwenden und das Roadpricing auf Pkws ausweiten. Das ist natürlich unpopulär. Aber ich glaube, dass man es den Leuten schon erklären könnte, wenn man etwa nach der nächsten Regierungsbildung eine ökosoziale Steuerreform mit höheren Energiepreisen und niedriger Steuerbelastung auf Arbeit ernsthaft angeht.

STANDARD: Aber da würde wohl auch eher die Belastung für das Auto als die Entlastung des Einkommens wahrgenommen. Heilingbrunner: Man darf nicht aufhören, die Dinge zu erklären und zu sagen, was was kostet. Populismus führt zu falschen Ergebnissen: Wenn man die Agrarpolitik der EU auf das Schlagwort des Subventionsabbaus reduziert, gefährdet das in einem Land, das zu zwei Dritteln von alpiner Landwirtschaft geprägt ist, die Umwelt - da droht die Kulturlandschaft zu verschwinden, mit ihr gleichzeitig viele Pflanzenarten und letztlich auch der Tourismus. Da muss man eben den Mut haben zu sagen: Ja, das kostet etwas. (DER STANDARD, Print, 2./3.7.2005)

Die Fragen stellte Conrad Seidl

Zur Person:

Gerhard Heilingbrunner (48) ist seit 12 Jahren Präsident der Dachorganisation von 34 Um welt- organisationen.

  • Gerhard Heilingbrunner
    foto: standard/newald

    Gerhard Heilingbrunner

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