Europa ist kein Christenklub, aber ...

1. Juli 2005, 19:33
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Zu den geistigen Grundlagen Europas gehören die römische und griechische Antike, das Christentum und die Aufklärung der Moderne - Kolumne von Hans Rauscher

Die EU-Kommission hat ein klassisches Stück Brüsseler Prosa produziert: "Das Ziel einer Vollmitgliedschaft der Türkei bleibt aufrecht, aber die Verhandlungen sind ergebnisoffen".

Damit ist übrigens ein Begriff in ein entscheidendes EU-Dokument eingegangen, den Wolfgang Schüssel beim Gipfel im Dezember in die Debatte eingebracht hatte. Er wurde dabei laut Augenzeugen übrigens geradezu körperlich bedrängt, zuerst von Chirac, dann von einer Reihe anderer Regierungschefs ("Wolfgang, das kannst Du nicht machen!"). Inzwischen hat die Krise um den Verfassungsvertrag alles verändert.

Die türkische Regierung und teilweise auch die Öffentlichkeit haben mit einer nationalistisch-religiösen Aufwallung reagiert: Wenn die EU unter Beweis stellen wolle, dass sie kein "Christenklub" sei, müsse sie die Türkei aufnehmen, sagte Ministerpräsident Erdogan bei einem Seminar des türkischen Religionsamtes. Wenn die EU die Türkei jedoch in ihren Reihen ablehne, werde sie nicht von sich behaupten können, eine Institution für das harmonische Zusammenleben verschiedener "Zivilisationen" zu sein.

Diese auftrumpfende, fordernde Haltung mag mit der türkischen Innenpolitik erklärbar sein. Der türkische Nationalismus ist ein sehr starker Faktor und Erdogan hat den EU-Beitritt zum zentralen Projekt seiner Regierung gemacht. Aber abgesehen davon ist das eine Sprache, die Unbehagen und Zweifel erzeugt: Ist das nicht ein ganz anderes Identitätsverständnis?

Europa ist kein Christenklub, obwohl seine Gründungsväter christdemokratische Politiker waren. Europa ist längst säkular und wird es bleiben, auch wenn die katholische Kirche unter dem neuen Papst versucht, verlorenes Terrain wiederzugewinnen. Aber "Christenklub" sollte nicht als Schimpfwort empfunden werden. Zu den geistigen Grundlagen Europas gehören die römische und griechische Antike, das Christentum und die Aufklärung der Moderne.

Die Staaten der heutigen EU gehören zu einer einzigen Kultur, die auch und ganz entscheidend von den Ideen und Werten des Christentums geprägt wurde, und sei es in wütender Auseinandersetzung mit der Aufklärung. Das heutige Europa ist ein Produkt des Kampfes um Aufklärung gegen die Allmacht der Religion, ohne dabei die Grundwerte des Christentums - Humanismus, Nächstenliebe, Ablehnung von Gewalt - zu verlieren.

Russland und die Ukraine, aber auch Kaukasusstaaten wie Georgien und Armenien sind christlich, in den letzten beiden Fällen sogar noch länger als in den beiden ersten - aber sie haben keine Aufklärung und nur wenig (geistige) Moderne erfahren. Deshalb sind sie in diesem Sinn nicht oder nur sehr beschränkt "europäisch".

Ebensowenig wie die Türkei, der ebenfalls in ihrer historischen Entwicklung eine breite aufklärerische Entwicklung fehlte. Was an Modernisierung da ist, hat seine Wurzeln in der diktatorischen Gewalt-Modernisierung durch den Militärherrscher Kemal Pascha Atatürk. Und das merkt man bis heute, und gerade jetzt, wo nationalistisches, antiliberales, anti-rechtsstaatliches Denken wieder massiv durchbricht.

Die europäischen Gesellschaften, auch die osteuropäischen, sind inzwischen auf Konsens, Kompromiss und Liberalität in der Lebensführung, inklusive Gleichbehandlung der Frau, gebaut. Gilt das auch für die türkische Gesellschaft? Und wenn es nicht so ist, kann sich das in zehn Jahren ändern? Das sind die wahren Fragen, nicht die nach dem "Christenklub". (DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.7.2005)

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