"Konjunkturerholung legt Pause ein"

12. Juli 2005, 15:03
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Die Wirtschaftsforscher rechnen heuer mit einem Wirtschaftswachstum von unter zwei Prozent. Und für 2006 überwiegt die Skepsis

Wien – Mit einer kräftigen Revision ihrer Prognosen haben Österreichs Wirtschaftsforscher am Freitag aufhorchen lassen: hoher Ölpreis, anhaltendes Angstsparen und fehlende Wachstumsimpulse im Rest Europas dürften dazu führen, dass die Konjunktur heuer nur um 1,8 Prozent und 2006 um 1,9 Prozent wächst, meint das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Das Institut für Höhere Studien (IHS) rechnet mit einem Plus von 1,9 Prozent heuer und 2,3 Prozent im kommenden Jahr.

"Die Konjunkturerholung hat eine Pause eingelegt", sagte Wifo-Chef Karl Aiginger. Nachsatz: "Ich hoffe, dass das nur eine Pause ist und nicht schon das Ende der Konjunkturerholung."

Im Frühjahr noch über zwei Prozent prognostiziert

Noch Anfang April waren beide Institute deutlich optimistischer gestimmt: Das Wifo ging in seiner Frühjahrsprognose von einem 2,2-prozentigen Wirtschaftswachstum im heurigen Jahr aus, das sich 2006 auf 2,3 Prozent beschleunigen sollte; das IHS hielt nach 2,1 Prozent heuer sogar ein Wachstum im Jahr 2006 von 2,5 Prozent für möglich.

Der einzige Trost, den die Wirtschaftsforscher am Freitag spenden wollten, gipfelte in der Feststellung, dass Österreich mit den jetzt prognostizierten Wachstumsraten vergleichsweise noch gut dastehe. Denn die Wirtschaft im Euro-Raum werde heuer in Summe nicht mehr als 1,5 Prozent wachsen – inflationsbereinigt.

Steuerreform verpufft

Dass es Österreich etwas besser gehe, habe unter anderem mit der weiter gestiegenen preislichen Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Industrie zu tun, aber auch mit nun in Umsetzung begriffenen Infrastrukturprogrammen für Straße und Schiene.

Die Effekte aus der Steuerreform, die sich nach ursprünglichen Berechnungen heuer in einem Plus von 0,3 Prozentpunkten und 0,2 Prozentpunkten im kommenden Jahr niederschlagen sollten, seien durch die zuletzt starke Inflation teils wieder aufgefressen worden. Die Folgen zeigten sich in einer gedämpften privaten Nachfrage.

Wachstum von 2,7 Prozent wäre für Rückgang der Arbeitslosigkeit nötig

Verursacht worden sei die hohe Teuerung durch steigende Wohnungskosten, Energie und Gesundheitsausgaben; 2006 sollte ein sinkender Rohölpreis Entlastung bringen. Das Wifo rechnet im Jahresdurchschnitt 2005 mit Rohölpreisen von rund 50 Dollar je Fass (159 Liter), die sich 2006 auf 47 Dollar verringern sollten. Der Dollar wird heuer im Jahresmittel bei 1,25 Euro erwartet, 2006 dann bei 1,18, was in der Folge die Exporte beflügeln sollte. Pessimistisch sind Aiginger und Felderer hinsichtlich des Arbeitsmarkts. Denn erst bei Wachstumsraten ab 2,7 Prozent sei mit einer Rückbildung der Arbeitslosigkeit zu rechnen. So stark ist die Wirtschaft in Österreich zuletzt in den Neunzigerjahren gewachsen.

Während das Wifo davon ausgeht, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen in zwei Schritten bis Mitte 2006 von 2,0 auf 1,5 Prozent reduziert und darauf auch seine Prognose aufbaut, rechnet das IHS mit keiner Zinssenkung. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3.7.2005)

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    Etwas Pfefferminz vor der Verkündigung eher unerfreulicher wirtschaftlicher Botschaften: der Chef des Wifo, Karl Aiginger (l.), und IHS-Chef Bernhard Felderer.

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