Die ÖVP am Stammtisch

1. Juli 2005, 18:05
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Straches Jubelausbruch ist dabei erstaunlich naiv - von Walter Müller

Oft meldet er sich nicht zu Wort, der politisch bisweilen fast autistisch wirkende Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl. Wenn’s ihn aber überkommt, löst er regelmäßig bei der politischen Konkurrenz Proteststürme aus. Wohl deshalb, weil seine Sager aus der strengen Kammer der ÖVP kommen. Nagl rät Homosexuellen zum Glauben, der sie dazu führen könne, "mit dieser Form des Zusammenlebens wieder aufzuhören", er bricht eine Lanze für ultrarechte Vereine und führt einen Abwehrkampf gegen Punks am Grazer Hauptplatz. Monatelang war wieder Stille, ehe er sich jetzt mit grenzgängerischen Türkei-Aussagen zurückmeldete, die umgehend Jubel im Lager der FPÖ auslösten, wo ihm sofort politisches Asyl anboten wurde. Nagl fabulierte etwas von einem "Abwehrkampf" gegen die Türkei und weckte Assoziationen zur Türkenbelagerung.

Das wirklich Bemerkenswerte an Nagls Ausritt in die EU-Politik ist das Ausbleiben von Reaktionen seiner Partei. Was den Schluss zulässt: So ganz ungelegen kommt die von Nagl ausgelöste Aufregung nicht. Im Herbst geht die ÖVP in schwere Landtagswahlen, die auch die Bundes-ÖVP belasten könnten. Nagls Provokationen kommen an so mancher Basis gar nicht so schlecht an, was durchaus beabsichtigt scheint. Die Volkspartei hat das liberal-urbane Wählerpublikum ohnehin abgeschrieben, Graz muss aber abgesichert werden. Es geht um den Erhalt der ÖVP-Bastion in der Steiermark, und hier spielt die Landeshauptstadt die entscheidende Rolle. Gelingt es hier, den rechten Rand, der auch die SPÖ umschließt, enger an die ÖVP zu binden, sind einige wichtige Prozentpunkte eingesackt.

Die ÖVP hat in Graz also am Stammtisch Platz genommen und sich als Jörg Haider verkleidet. Der Jubelausbruch des FPÖ- Chefs Heinz-Christian Strache über den Geistesbruder Nagl war jedenfalls erstaunlich naiv. Er wird etliche seines Vereines in der Nagl-Runde wiederfinden. (DER STANDARD, Print, 2./3.7.2005)

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