Siemens rückt noch näher an die Politik

12. Juli 2005, 15:28
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Der Aufstieg von Brigitte Ederer zur Generaldirektorin läutet einen weiteren Wandel ein - Analyse von Luise Ungerboeck

Wien – Sehr lang hat die vom neuen Siemens-Konzernchef Klaus Kleinfeld ausgegebene Devise, wonach alle Führungskräfte in einer Auslandstochter gearbeitet haben müssen, um die Karriereleiter hinaufzusteigen, nicht gehalten. Brigitte Ederer, die am Donnerstag zur neuen Generaldirektorin von Siemens Österreich designiert wurde, ist quasi die erste prominente Ausnahme des im Frühjahr beschlossenen Wachstumsprogramms "Fit 4 More".

Dass diese Ausnahme gemacht wurde, spricht für den Elektromulti, der gepflegte Konvention und bürokratische Strukturen (die schon manch gutes Geschäft vereitelt haben) kurzerhand über Bord warf und eine Ex-Politikerin bestellte. Denn in der derzeitigen Situation – vor der Übernahme der VA Tech – ist die weltoffene Ederer vermutlich eine vernünftige und gute Wahl. Emotional nicht vorbelastet – Siemens und VA Tech waren in vielen Bereichen schließlich erbitterte Konkurrenten – kann sie Zusammenführung, Integration und – wo notwendig – auch Filetierungen und Schließungen angehen.

Kulturwechsel

Wie viel Spielraum die studierte Volkswirtin und Ex-Arbeiterkämmerin dabei vom Konzern bekommen wird, steht freilich auf einem anderen Papier. Denn mit dem Generationswechsel von Heinrich von Pierer zu Klaus Kleinfeld an der Konzernspitze in München dürfte auch ein Kulturwechsel in Wien einhergehen. Kritische Geister meinen, unter der Quereinsteigerin, die nie die Ochsentour machen musste, habe es der deutsche Mutterkonzern noch leichter, in die Siemens AG Österreich durchzugreifen. Denn anders als ihrem Vorgänger Albert Hochleitner fehle Ederer die Hausmacht, um die Begehrlichkeiten der in Verkehrs- und Energietechnik bestimmenden "Erlanger Mafia" abzuwehren.

Die große Angst, die in der Wiener Siemensstraße seit Langem vorherrscht, ist die Reduktion des größten privaten industriellen Arbeitgebers in Österreich auf ein simples Handelshaus, das nichts mehr produziert, sondern nur mehr Anlagen aus dem Stammhaus verkauft. Diese Gefahr besteht tatsächlich, sie ist allerdings nicht auf Siemens beschränkt, sondern trifft die ganze Industrie in Europa.

Tabubruch und Innovation

Angesichts der notwendigen Umstrukturierungen aufgrund der VA-Tech-Übernahme könnte ein neuer Besen eine große Chance sein. Denn ehrgeizig, fleißig, hartnäckig und konziliant wie Ederer beschrieben wird, sollte ihr ein unbelasteter Zugang zu den weltweit 17.000 Beschäftigten des Erzrivalen möglich sein, der so manchem Vorstandskollegen aufgrund seiner Vergangenheit ebenso verwehrt ist wie einem Auslandsösterreicher, der sich im Siemens- Reich hochgedient hat.

Als Ex-Politikerin ist Ederer Tabubruch und Innovation zugleich. Zwar engagierten die Bayern immer exzellente Netzwerker und Lobbyisten als Landeschefs, bis dato aber meist Techniker, niemals einen gestandenen Politiker. Dem Absatz von teuren medizinischen Anlagen und U-Bahn-Zügen sollte dies aber nicht abträglich sein. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3.7.2005)

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